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5 Jahre SAPV in Brandenburg – eine neue medizinisch – pflegerische Versorgungsform hat sich etabliert

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Als sich im Jahr 2008 leitende Mitarbeiter des Städtischen Klinikums Brandenburg, die niedergelassenen Ärzte Dirk Harms und Dr. Johannes Behrendt, sowie leitende Mitarbeiter der Jedermann Gruppe an einen Tisch setzten, um eine spezialisierte ambulante Betreuung schwerkranker und sterbender Menschen und deren Angehörigen auf den Weg zu bringen, gab es deutschlandweit nur wenige Vorbilder, an denen Orientierung möglich war.

Gerade war ein Gesetz auf den Weg gebracht worden, welches die häusliche Betreuung schwerkranker und sterbender Menschen in den Blick nahm, um insbesondere ein Gegenstück zum immer wieder aufkommenden Ruf nach Sterbehilfe zu schaffen.

Die Entwicklung in Brandenburg – Weiterbildungen für Palliative Care gab es schon früh

In Brandenburg gab es durch den Aufbau des ambulanten Hospizdienstes und die Errichtung des stationären Hospizes, sowie durch langjährige Kontakte zwischen engagierten Mitarbeiter/innen der o. g. Einrichtungen, die nicht zuletzt auch zur Schaffung der Akademie für Palliative Care im Land Brandenburg führten, gute Vorerfahrung. Auch fanden bereits seit 2004 regelmäßig Kurse zur Weiterbildung auf dem Gebiet von Palliative Care, dem anerkannten Betreuungskonzept für schwerkranke und sterbende Menschen statt, die in enger Zusammenarbeit mit dem Städtischen Klinikum und später der Akademie für Palliative Care durch die Jedermann Gruppe organisiert und durchgeführt wurden.

Das Palliativteam Brandenburg erhält seinen Kassenvertrag

Ab dem 1.April 2009 erhielt das Palliativteam Brandenburg (PCT), welches unter dem Dach der Gesundheitszentrum Brandenburg GmbH tätig ist, seinen Kassenvertrag. Bundesweite Prognosen sprachen davon, dass in solchen Teams etwa 10 % der sterbenden Menschen zu betreuen sein würden, was für unser Einzugsgebiet zunächst etwa 100 Menschen im Jahr bedeutet hätte. In erster Linie sind dies Menschen aller Altersgruppen, mit einer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung, die mit schwerwiegenden Symptomen einhergeht, welche die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen stark einschränkt. Auch Patientinnen und Patienten mit weit fortgeschrittenen chronischen Erkrankungen, die einen ebensolchen Leidensdruck mit sich bringen, gehören zum Kreis der durch uns betreuten.

Ein gutes, interdisziplinäres Netzwerk entstand

Für ein solches Konzept, welches 2009 noch weitgehend unbekannt war, konnte nicht vorhergesagt werden, wie Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und vor allem die Betroffenen selbst diese neue Versorgungsform annehmen würden. Zu Beginn beschränkte sich deshalb die Versorgung auf die Stadt Brandenburg und deren nähere Umgebung. Herr Harms als ärztlicher Leiter, Dr. Behrendt als weiterer Palliativarzt, Claudia Breuer als pflegerische Leitung und Hartmut Jäckel als Koordinator, die beide Mitarbeiter der Jedermann Gruppe sind, übernahmen die ersten häuslichen Betreuungen und steuerten den Aufbau des Teams, welches bereits zum Jahresende 2009 aus 3 Ärzt/innen und 6 Pflegefachkräften bestand. Kooperationen mit der Hospizbewegung Brandenburg, dem stationären Hospiz und der Germania Apotheke vervollständigten das Netzwerk. Wir waren gut angenommen worden.

Bereits Mitte 2009 begann die Erweiterung des Einzugsbereiches in den Landkreis Havelland hinein. Auch hier fanden sich zuverlässige Kooperationspartner, die schrittweise die Versorgung im gesamten Landkreis Havelland übernahmen.

Mit SAPV fühlen sich Angehörige Sterbender weniger allein mit ihren Ängsten

Heute arbeiten im Versorgungsbereich unseres Palliativteams 9 Palliativmedizinerinnen und Palliativmediziner und 27 Palliativpflegekräfte aus 6 Pflegeeinrichtungen, die pro Jahr über 400 Patientinnen und Patienten in ihrer letzten Lebensphase betreuen und deren Angehörigen in schwieriger Lebenssituation beistehen.

Doch nicht die ständig steigende Zahl zu Versorgender ist es, die erstrangig zeigt, dass die Arbeit des SAPV-Teams angenommen wird, vielmehr sind es die vielen Rückmeldungen von Angehörigen, die diese Betreuungsform als etwas Besonderes reflektieren.

„Ich möchte mich hiermit noch mal herzlichst für die tolle Betreuung von meinem Papa bedanken. Es war die beste Entscheidung mich für die SAPV zu entscheiden und ich habe in keiner Sekunde daran gezweifelt, das Richtige zu tun. Ich wünsche Ihnen für Ihre weitere Arbeit alles, alles Gute.
Es ist schwer einen Menschen zu verlieren, an dem man hängt. Aber durch Sie hatte ich das Gefühl nicht allein mit den Ängsten und Gedanken zu sein. Vielen, vielen Dank!
Ich werde nie vergessen was Sie für meinen Papa, meine Familie und mich getan haben.“
(S.P. November 2013)

Ein anderes sichtbares Zeichen der guten Entwicklung von SAPV in unserer Region ist, dass weniger als 10 % der durch uns Versorgten letztlich doch nicht zu Hause versterben konnten. Dem Wunsch der Betroffenen, bis zum Schluss zu Hause bleiben zu können, gerecht zu werden, haben wir uns von Anfang an verschrieben. Grenzen der Behandlung, Belastungsgrenzen der An- und Zugehörigen und auch die Tatsache, dass Menschen ihre Meinung ändern können und dürfen, haben wir dabei immer im Blick.

Nach 5 Jahren SAPV steigen auch die Erwartungen

5 Jahre SAPV haben allerdings auch eine Erwartungshaltung bei Betroffenen, Angehörigen und so manchen Ärzten ausgeprägt, dass jeder Schwerkranke und Sterbende ein Recht habe, durch spezialisierte Fachkräfte betreut zu werden. Dieser Erwartung wollen und können wir nicht gerecht werden. Zunächst einmal ist das Sterben ein normaler, uns alle erwartender Prozess. Solange die Familie, manchmal in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt oder der Hausärztin und eventuell tätiger Hauskrankenpflege, alles Notwendige leisten kann, gibt es keinen Grund uns zu rufen. Hier durch neu hinzukommende Fachkräfte langjährige Bindungen zu stören oder gar zu zerstören, kann auch nicht im Interesse der Betroffenen sein.

Im Zweifelsfall laden wir die Betroffenen gern zu einem Gespräch in unser neues Büro in der Bauhofstraße 50 in 14776 Brandenburg ein oder besuchen Sie zu Hause, um mit Ihnen die optimale Betreuungslösung zu finden.

Interdisziplinarität als Schlüssel zum Erfolg

Das Einzigartige und zugleich die Grundlage der Leistungsfähigkeit der SAPV in Brandenburg ist meines Erachtens die gelebte Multidisziplinarität, die sich in der täglichen unmittelbaren Zusammenarbeit von Palliativärztinnen und -ärzten, Palliativpflegenden, Ehrenamtlichen und örtlichen Versorgern zeigt. In diesem Prozess, der durch gemeinsames Handeln und Aushandeln, durch gemeinsames Tragen und Ertragen und eine Zusammenarbeit mit Augenmaß und auf Augenhöhe geprägt ist, sind wir in den zurückliegenden Jahren gewachsen. Dies ist sicherlich ein auch für andere Versorgungsbereiche nachahmenswerter Umstand, den zu erreichen wir sicher noch einige Jahre kämpfen müssen. Sich auf diesen Kampf einzulassen lohnt sich. Das zeigt die SAPV.

Dr. phil. Hartmut Jäckel / Koordinator der SAPV