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Da musst du aufpassen, dass du den Namen nicht verwechselst

Der finanzielle Druck scheint Praxis und Philosophie zu verändern. Die Menschen kommen immer später in die Pflegeheime. Auch in Hospizen wird beobachtet, dass es schwerer und anspruchsvoller wird, in kürzester Zeit eine Beziehung zu schwerkranken und oft schon sterbenden Menschen aufzubauen. Grenzen der Biografiearbeit?

Mittwoch, 09.12.2009: Wie immer komme ich kurz vor sieben Uhr in mein Büro. Mein Weg führt zuerst in das Hospiz, in dessen Obergeschoss sich mein Büro befindet. Die Stimmung ist heute anders. Beschreiben kann ich sie nicht – aber es ist diese seltsame Ruhe im Haus, die meist eintritt, wenn es wieder einmal sehr schwer ist. Wenn Fröhlichkeit weicht und alle nur noch zu funktionieren scheinen.

Was war passiert? Als ich gestern Nachmittag das Haus verließ, waren alle zehn Zimmer belegt. In das gerade frei gewordene Zimmer war gegen elf Uhr eine 49-jährige Frau eingezogen. Ihr Allgemeinzustand war bereits stark reduziert. Gerade eben war ein Gast verstorben. Er war der Dritte seit gestern, 19 Uhr. Auch die junge Frau starb noch später und kaum hatten die Mitarbeiterinnen der Frühschicht etwas Luft geholt, verstarb gegen zehn Uhr noch eine Bewohnerin. Vier Menschen starben innerhalb von wenigen Stunden.

Eine Ausnahme? Nein. Alltäglich ist eine solche Situation zwar nicht – noch nicht? – doch sie kommt immer öfter vor.

In den nunmehr fünf Jahren seit Gründung des Hospizes, Anfang Oktober 2004, scheint es seit einem Jahr eine Entwicklung zu geben, die immer mehr zu einer Verkürzung der Liegezeiten führt. Eine Tendenz, die wohl genereller Natur ist. Die durchschnittlichen Liegezeiten in deutschen Hospizen betragen laut Deutschem Hospiz- und PalliativVerband gegenwärtig 20 Tage.

Bei einer Auslastung von durchschnittlich 98 Prozent verstarben in den Jahren 2004 bis 2008, gerechnet vom 1.0ktober 2004 bis 30. September 2008, pro Jahr 86 bis 89 Menschen im Hospiz Brandenburg an der Havel. Vom 1. Oktober 2008 bis 30. September 2009 waren es 105. Im November starben 13 und auch bis zum 14. Dezember 2009 sind bereits acht Gäste verstorben.

Diese Zahlen klingen recht nüchtern. Sie sind es keineswegs. Hinter jeder dieser Zahlen steckt ein Leben, welches im Hospiz sein Ende findet. Stehen Angehörige, die sich in einer völlig neuen Situation zurechtfinden müssen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hospiz, die versuchen, dem Gast und seinen Angehörigen gerecht zu werden.

Nicht selten höre ich von Mitarbeiterinnen, dass sie kaum noch Zeit haben, Beziehungen aufzubauen, manchmal sogar den Satz: “Kaum hast du dich an ein neues Gesicht gewöhnt, da liegt schon ein anderer im Bett. Da musst du ja aufpassen, dass du die Namen nicht verwechselst.”

Wann ein Mensch sterben wird, ist schwer bestimmbar. Daran ändert sich auch nicht viel, wenn er, wie die 49-jährige Frau, mit einem fortgeschrittenen Kehlkopfkarzinom eine todbringende Diagnose hat. Laut Krankenhaus befand sie sich in der Terminalphase. Nach Ingeborg Jonen-Thielemann handelt es sich um eine Terminalphase, wenn: “Der Schwerkranke […] an der Grenze seines Lebens zum Tod [..] [lebt]. Er ist die meiste Zeit oder dauernd bettlägerig, zieht seine Aufmerksamkeit immer mehr von der irdischen Welt zurück, nimmt Abschied, oder er ist verzweifelt und ruhelos. Die Prognose ist auf wenige Tage bis zu einer Woche begrenzt.” (Jonen-Thielemann, 2008).

Solche und noch kürzer prognostizierte Zeiträume stehen immer häufiger in den Einweisungspapieren der Hospizgäste. Ist es nur das Unvermögen, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen oder gibt es noch andere Gründe, die dazu führen, dass manchmal nur noch Stunden bleiben? Es gibt einige:

  • Die mitunter langen Wartelisten in Hospizen, die eine zeitnahe Aufnahme des avisierten Patienten unmöglich machen.
  • Hilflose Helfer, die, solange es irgendwie geht, zu Hause betreuen und letztlich in großer Not doch keinen anderen Ausweg mehr sehen.
  • Ärzte, die, wohlmöglich angeregt durch DRG-Fallpauschalen (Fallpauschalen nach Diagnosis Related Groups als Bestandteil der Krankenhausfinanzierung), immer neue Therapien anbieten, bis für alle offensichtlich der Tod bereits am Bett steht.
  • Der Mangel an Ärzten und Betreuungskräften, durch den eine sensible Lagebeurteilung immer schwieriger wird.

Die Annahme, dass durch die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) dieses Phänomen verstärkt wird, bestätigt sich – zumindest bei uns – nicht. Bisher verstarb keiner der durch SAPV ins Hospiz Übergeleiteten in derart kurzer Zeit.

Im Rahmenvertrag unseres Hospizes heißt es: “Das Hospiz erbringt die sach- und fachkundig umfassend geplante Pflege, die sich in Inhalt und Umfang an körperlichen, psychischen, sozialen und geistig-seelischen Bedürfnissen der sterbenden Menschen orientiert. Die Angehörigen und Bezugspersonen der Sterbenden werden auf Wunsch in die Pflege und Begleitung mit einbezogen.” (Versorgungsvertrag über stationäre Hospizbewegung, Brandenburg an der Havel vom 01.10.2004).

Wie soll das gehen, wenn nur wenige Stunden oder Tage zur Verfügung stehen? Ein Drittel unserer Hospizgäste verweilen weniger als sieben Tage, die Hälfte davon weniger als vier Tage, Aufnahme und Sterbetag inklusive. Die Gäste und ihre Zugehörigen erwarten zu Recht, dass sie im oben genannten Sinne Unterstützung erfahren, dass sie im Mittelpunkt des Geschehens stehen und nicht der Eindruck einer neuartigen Krankenhausstation entsteht.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versuchen dem gerecht zu werden und geraten in Konflikt mit dem, was sie aus tiefstem Herzen wollen und dem, was machbar ist. Und es muss die Frage gestellt werden, wie lange diese das aushalten. Dauernde “Fließbandarbeit” ist eben nicht geeignet, den Beziehungsaufbau zu fördern, der nicht nur für Gast und Zugehörige, sondern auch für das Seelengleichgewicht der MitarbeiterInnen so wichtig ist.

Bemerkenswert bleibt für mich, was sie dennoch erreichen. So konstatiert die Leiterin des Hospizes, dass die Angehörigen selbst bei derart kurzen Verweildauern voller Dankbarkeit sind und froh darüber, die letzten Stunden mit dem Sterbenden in der Obhut des Hospizes verbringen zu können. Noch liegt die durchschnittliche Verweildauer in unserem Hospiz höher als im bundesdeutschen Durchschnitt. Vor allem, weil es in diesem kleinen Haus auch immer wieder Menschen gibt, die sechs Monate und mehr zu Gast sind. Dem Einzelnen nützt dieser Durchschnitt gar nichts.

Gerade sitze ich in meinem häuslichen Arbeitszimmer und lese das Buch Noch einmal Leben vor dem Tod (Lakotta & Schels, 2004). Es offenbart faszinierende und berührende Lebensgeschichten, die sich im Hospiz vollendeten. Wie lange noch wird es angesichts immer kürzer werdender Liegezeiten, verbunden mit stark eingeschränktem Allgemeinzustand, möglich sein, solche Lebensgeschichten zu erfahren und aufleben zu lassen?

Hartmut Jäckel