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Halt auf freier Strecke – Filmrezension

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Gibt es eigentlich neben dem beliebten Film „Ziemlich beste Freunde” auch andere Filme, in denen die Pflege von Menschen thematisiert wird? Nach einem Gespräch mit unserer Hospiz-Mitarbeiterin Nicole Schäfer können wir diese Frage mit einem ganz klaren JA beantworten. Deshalb bereichert sie diesen Blog regelmäßig mit ihren persönlichen Filmempfehlungen. Dieses Mal geht es um ein ergreifendes Familiendrama.

Halt auf freier Strecke

Hauptrolle: Milan Peschel

Auszeichnungen:

  • Prädikat „Besonders Wertvoll“ der Deutschen Film- und Medienbewertung
  • Deutscher Filmpreis 2012
  • Festival de Cannes
  • „Goldener Biber“ für den besten Film der 33. Biberacher Filmfestspiele
  • Bayerischer Filmpreis
  • Don Quijote-Preis beim Internationalen Filmfestival 2012

Inhalt des Films

Frank Lange wird von seinem Arzt (kein Schauspieler, sondern ein realer Arzt!) mit der Diagnose Hirntumor (Glioblastom) konfrontiert, welcher nicht operabel und bösartig ist. Frank, der mit seiner Frau Simone und den beiden Kindern in ein neues Reihenhaus nach Berlin gezogen ist, benutzt sein Smartphone, um den Verlauf der Krankheit, seine Gedanken und auch seine Erinnerungen damit festzuhalten. Frank wird zu Hause von Ehefrau Simone und einer Ärztin betreut. Immer wieder hat er Wahnvorstellungen und Halluzinationen, in denen sein Tumor zu ihm spricht und sogar in der Harald Schmidt-Show auftritt.

Seine Kinder und Simone müssen mit der Erkrankung und den sehr schwerwiegenden Symptomen zurecht kommen und ringen um Fassungskraft. Alle Beteiligten sind zunehmend überfordert. Frank verliert immer mehr sein Gedächtnis und seine Orientierungsfähigkeit und auch die Kontrolle über wichtige Körperfunktionen einschließlich seines Sprachvermögens. Durch hohe Morphingaben ist er wesensverändert. Frank wird immer mehr zum Pflegefall und stirbt letztendlich im Beisein seiner Familie zu Hause.

Der Hauptdarsteller

Der Hauptdarsteller Milan Peschel ist bekannt aus vielen Filmen mit Matthias Schweighöfer. Die in “Halt auf freier Strecke” doch sehr ernste Rolle des Frank Lange wirkte auf mich in den Anfangsszenen sehr befremdlich, spielte Milan Peschel doch zuletzt überwiegend in Komödien mit, sodass ich das Gefühl hatte, auf den ersten Spaß oder Witz von ihm warten zu müssen. Sehr schnell wurde ich eines Besseren belehrt und nahm ihm die Rolle, völlig überzeugt gespielt, einfach ab. Ich verstand, warum gerade er diese Rolle spielt: Er ist in der Lage, die Symptome des Glioblastoms glaubhaft aber doch manchmal witzig darzustellen.

Meine Meinung zum Film

“Halt auf freier Strecke” ist ein Film, der sehr anschaulich und verständlich – ja, mit voller Wucht zuschlagend – die schwerwiegenden Symptome eines Hirntumors erklärt. Es bedarf nicht vieler Erklärungen der Symptome, was vor allem an Milan Peschel liegt, der es mehr als überzeugend versteht, genau diese in Szene zu setzen.

Sehr schnell wurde mir die Überforderung innerhalb der Familie bewusst. Sie ist es, die 24 Stunden mit der Krankheit konfrontiert ist. Mein aufrichtiger Respekt geht an dieser Stelle an alle Angehörigen!

Sehr einfühlsam trat im Film die Palliativärztin auf, welche mich in ihrer ganzen Art und ihrem Wesen sehr an „unsere“ SAPV-Ärztin erinnert. Sie tritt dem Geschehen mit einer angenehmen Ruhe und Sachlichkeit entgegen und führt mit Simone sehr offene und ehrliche Gespräche. Besonders beeindruckend für mich sind auch die Szenen, in denen Frank Videos mit seinem Smartphone aufnimmt, denn sein Sohn wünscht sich das Handy, wenn sein Vater verstirbt. Aber auch Szenen, in denen es zwischen Frank und Simone zum Liebesakt kommt, haben mich sehr bewegt, denn Gefühle, Liebe und auch der Wunsch nach körperlicher Nähe und Zärtlichkeit hören wegen einer Erkrankung nicht einfach so auf. Die Gespräche, die Frank mit seinem Sohn führt, gehen mir sehr nah. Wie schwierig muss es sein, seinem eigenen Kind zu erklären, dass man bald sterben muss!

Dennoch: Die Rolle seiner Kinder wird meiner Meinung nach zu wenig betrachtet. Denn genau sie sind es, die mit dem Verlust des geliebten Elternteils am meisten zu kämpfen haben. Viele kleine Passagen diesbezüglich finde ich zu oberflächlich. Es ist schwer vorstellbar, dass Kinder – egal welchen Alters – so abgeklärt mit dem Thema Tod und Sterben umgehen. An keiner Stelle des Films war für mich zu erkennen, wie und ob die beiden Kinder trauern, weinen oder sich anders auf das Sterben des Vaters vorbereiten.

Was ich für unsere Arbeit aus diesem Film schließe:

Ich glaube, ich brauche an dieser Stelle nicht zu erwähnen, wie schwierig auch für uns Pflegende der Umgang mit Glioblastom-Patienten sein kann. Oft stoßen wir aufgrund der vielen schweren Symptome, die sehr wechselhaft sein können, an unsere Grenzen. Ich glaube, es bedarf eines sehr einfühlsamen und ruhigen Umgangs. Immer wieder sollte man sich vor Augen führen, dass es zu erheblichen Wesensveränderungen und damit einhergehenden Stimmungsschwankungen kommen kann. Besonders wichtig finde ich einen ruhigen Ton in Gesprächen. Ganz allgemein sollte eine entspannte Atmosphäre im Vordergrund stehen. So lange wie möglich sollte die Pflege von nur einer einzelnen Pflegekraft durchgeführt werden, denn diese ist in schwierigen Situationen die Bezugsperson und der unmittelbare Ansprechpartner.

Ganz besonders wichtig finde ich zu erwähnen, dass es kein Problem unter Kollegen darstellen sollte, wenn man selbst an einem Punkt der Überforderung angekommen ist. Die Überforderung sollte untereinander besprochen werden, um sich auszutauschen und sich vor Augen zu führen, dass auch wir an unsere Grenzen stoßen können.

Welchen Standpunkt habt ihr? Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Vielleicht können wir uns alle austauschen und uns gegenseitig unterstützen. Gerne möchte ich zur Diskussion oder zum Meinungsaustausch anregen.

Weiterführende Informationen zum Film

Wer den überaus schönen Song noch einmal hören will, den Frank (Milan Peschel) mit Gitarre im Bett liegend singt, findet ihn auf Youtube. Ich fand ihn so schön, dass ich ihn mir mehrere Male angehört habe.

Was Milan Peschel und den Regisseur Andreas Dresen dazu veranlasst hat, diesen Film zu machen und wie der Filmtitel entstand, könnt ihr euch in einem Interview mit den beiden ansehen. Beeindruckend für mich war der Satz von Milan Peschel: „Ich war froh, als alles vorbei war“ – der Dreh war gemeint.

Mein Dank geht an Claudia Kämpfer vom Intensivpflege-Team, die mir bei der Suche des Musiktitels behilflich war. Auch ein Danke möchte ich an Holger Claus aus meinem Team richten, den ich darum bat, sich diesen Film anzusehen. Er bestätigte mich in einigen meiner Ansichten und Meinungen.

Auch dieses Mal stelle ich sehr gerne die DVD zur Verfügung.