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Damals war’s – Wer pflegte eigentlich, bevor es die Jedermann Gruppe gab?

Aufschluss über die Zeit bevor es die Jedermann Gruppe gab, erhielt ich in einem Interview mit der früheren leitenden Oberschwester am Bezirkskrankenhaus Brandenburg, Frau Hildegard Rabbach. Mit der Leitung der Gemeindeschwestern steuerte sie damals den ambulanten Pflegesektor in der Stadt Brandenburg. Im Jahr 1991 gründete sie dann gemeinsam mit sechs Mitstreiterinnen unser Unternehmen und wurde dessen erste Leiterin.

Die Betreuung in der DDR

Zur Struktur der Betreuung in der DDR sagte sie:

“Es ist so, dass die Allgemeinmediziner bestimmte Territorien hatten. Bei der Wende hatten wir, so glaube ich, 26 Allgemeinmediziner und wir hatten 27 Gemeindeschwestern und die Allgemeinmediziner hatten vom territorialen Schlüssel Straßenzüge zugeordnet bekommen und die gleichen Straßenzüge hatten dann auch die Gemeindeschwestern.”

In der DDR waren Allgemeinmediziner in der Regel nicht in selbstständiger Niederlassung tätig. In Polikliniken, ähnlich den heutigen Gesundheitszentren, waren diese Angestellte der Bezirkskrankenhäuser. Gemeindeschwester zu sein bedeutete also auch, diesen Häusern zu unterstehen. Anders als in den anderen Bereichen waren die Voraussetzungen für den Einsatz als Gemeindeschwester jedoch deutlich höher als für Mitarbeiterinnen auf einer Krankenhausstation, da diese auf sich allein gestellt in der Häuslichkeit handeln mussten und zur damaligen Zeit die technischen Möglichkeiten der Kommunikation deutlich geringer waren. Zwar hatten die Gemeindeschwestern zu Hause ein Telefon, doch beim Patienten war selten eines vorhanden.

Qualifikation und Engagement der Gemeindeschwestern

In der Erinnerung der heute 74-jährigen Oberschwester schwingt viel Stolz mit, als sie mir erzählt, welche Qualifikationen ihre Mitarbeiterinnen hatten:

“Die Gemeindeschwestern waren qualifizierte Krankenschwestern, Kinderkrankenschwestern oder Sprechstundenschwestern. Das war damals die A-3-Ausbildung. Aber die reichte nicht aus. (…) Und da ist es so, dass wir noch eine Gemeindeschwersternausbildung, die A-4-Ausbildung, das war eine Fachspezialisierung, machen lassen mussten.”

Neben einem Jahr Theorie gehörte dazu auch der jeweils fünfwöchige Einsatz in der Chirurgie, der inneren Medizin, der Orthopädie, der Augenheilkunde, der Hautabteilung und im Kreißsaal. Beim Einsatz im Kreißsaal musste mindestens eine Abnabelung selbst durchgeführt werden, um im Notfall eine Geburt begleiten zu können. Täglicher Anlaufpunkt war der Allgemeinmediziner, der fachlicher Auftraggeber war. Ansonsten wurden die Einsätze durch die Abteilungsschwestern koordiniert, jedoch durch die Gemeindeschwestern in Eigenregie gestaltet.

Palliativpflege in der DDR

Wie sich die Umsetzung insbesondere bei sterbenden Patienten darstellte, schildert Frau Rabbach so:

“Ja und wenn die Patienten dann soweit waren, dass abzusehen war, dass sie doch bald sterben, dann hat der Doktor oder Frau Doktor, je nach dem wer es war, gesagt: Gucken Sie doch öfter mal hin. Und da lag es im Ermessen der Gemeindeschwester, wie oft sie da hin gegangen ist und wie sie das zeitlich gemacht hat. Es war ja so, die mussten von Anfang an bereit sein, zu jeder Zeit auch hinzugehen zu den Patienten. Und das war dann, ja, die haben sich dann engagiert. Die mussten dann auch die Angehörigen manchmal mehr beruhigen als den Patienten und manche sind auch nachts dann dageblieben.”

Gemeindeschwestern heute

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die DDR-Kultserie „Schwester Agnes“, die vielleicht bedeutendste Arzt-Schwestern-Serie vor George Clooney’s Emergency Room. Sie ist Namensgeberin für das durch die Universität Greifswald entwickelte Programm AGnES, zur Etablierung von Gemeindeschwestern in strukturschwachen Region, d.h. da, wo man bis zum Hausarzt heute noch (oder wieder) 50 km fahren muss.

Die Bedingungen der damaligen Zeit sind mit den heutigen nicht mehr vergleichbar: DRGs sorgen für kurze Krankenhausaufenthalte, Familienangehörige wohnen nicht mehr am gleichen Ort und die Arbeit wegen der Pflege einzuschränken, kann fatale Folgen haben. So könnten 27 Schwestern diese Arbeit nicht mehr leisten.

Dennoch geht etwas Besonderes von der Tätigkeit der Gemeindeschwestern aus. Der Blick auf deren Engagement und Qualifikationen lohnt allemal. Keine Angst – Eine Entbindung sollen Sie nicht durchführen.

Ich bedanke mich herzlich bei Frau Rabbach für dieses Interview.

Hartmut Jäckel