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Schmetterling und Taucherglocke – Filmrezension

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Gibt es eigentlich neben dem beliebten Film „Ziemlich beste Freunde” auch andere Filme, in denen die Pflege von Menschen thematisiert wird? Nach einem Gespräch mit unserer Hospiz-Mitarbeiterin Nicole Schäfer können wir diese Frage mit einem ganz klaren JA beantworten. Deshalb bereichert sie diesen Blog regelmäßig mit ihren persönlichen Filmempfehlungen. Dieses Mal geht es um eine erschütternde Geschichte nach einer wahren Begebenheit.

Schmetterling und Taucherglocke

Hauptrolle: Mathieu Amalric

Auszeichnungen:

  • 2 Golden Globe Awards
  • Festival de Cannes
  • César
  • Gilde Filmpreis
  • 4 Oscar-Nominierungen

Inhalt des Films

In „Schmetterling und Taucherglocke“ geht es um Jean-Dominique, den 42-jährigen erfolgreichen Chefredakteur der „Elle“. Urplötzlich erleidet er während der Autofahrt mit seinem Sohn einen Schlaganfall. Drei Wochen später erwacht er aus dem Koma. Die Diagnose: Locked-In-Syndrom*. Anfänglich begreift er nicht, was mit ihm passiert ist, doch dann merkt er langsam, was ihm an Körperlichkeit geblieben ist: lediglich das Auf- und Zuklappen des Auges.

Er fühlt sich eingeschlossen. Eingeschlossen in einer Taucherglocke und doch so frei und unbeschwert wie ein fliegender Schmetterling. Er arrangiert sich mit seiner ausweglosen Lage und lässt seinen Lebensmut wieder aufflackern. Mit Hilfe seiner Logopädin, die das Konzept entwickelt, Wörter zu „erblinzeln”, schafft er es, sich mitzuteilen. Er beschließt, auf genau diese Weise ein Buch über sich und seine Art zu erleben zu schreiben. Jean-Dom nimmt – aus seiner Sicht gezeigt – den Zuschauer mit auf eine große Reise der Gefühle und lässt ihn seine Gedanken hören, seine Welt begreifen. Seine Welt von Traurigkeit, Einsamkeit aber auch von Phantasie, Erinnerung und Willen.

Zum Hauptdarsteller

Mir stellte sich anfänglich die Frage, wie man es als Schauspieler schafft, sich in die scheinbar ausweglose Lage eines Betroffenen des Locked-In-Syndroms einzufühlen und genau das überzeugend zu spielen. Mathieu Amalric verfügt über eine perfekte Körperbeherrschung, eine phantastische Mimik und schafft es in kürzester Zeit, dass man ihm die Rolle des Jean Dominique abnimmt. Wie schwierig muss es wohl sein, stundenlang Körperspannung zu halten und sich gar nicht zu bewegen?

Mathieu Amalric konnte vor Dreh des Films persönlich mit Jean-Dominique in Kontakt treten, um ihn und seine Gefühlswelt kennen und verstehen zu lernen. Das trug meiner Meinung nach entscheidend dazu bei, diese Rolle sehr glaubhaft zu inszenieren und den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Meine Meinung zum Film

Der Film spielt anfänglich aus dem Blickwinkel von Jean-Domique, was zunächst befremdlich und vielleicht auch verunsichernd wirkt. Nach einer gewissen Weile findet man sich mitten im Geschehen wieder und lernt die etwas andere Sichtweise verstehen. Unscharfe und verschwommene Szenen regen die eigene Phantasiewelt an, sich mit der Rolle des Jean-Dom vertraut zu machen. Für mich war ganz besonders die Szene beeindruckend, in der man ihm das nicht funktionierende Auge zunäht. Denn wenn man so schon nicht teilhaben kann am Leben, was muss es dann erst bedeuten, auch nicht mehr sehen zu können?

Sehr beeindruckend sind auch die vielen kleinen Textpassagen, die ich hier beispielhaft einfach erwähnen muss.

  • „Mein Leben ist eine Verkettung verpasster Gelegenheiten.“
  • „Phantasie und Erinnerungen sind nicht gelähmt – nur dadurch kann ich meiner Taucherglocke entkommen.”
  • „Hinter dem Vorhang aus dem von Motten zerfressenem Stoff kündigt sich ein milchiges Licht der Morgendämmerung an.”

Nach wie vor fremd bleibt mir die Rolle seiner Ehefrau. Sie wirkt auf mich im Film lediglich „anwesend“. Ich verstehe ihre Verhaltensweisen nicht. Kümmert sie sich aus Mitleid um Jean-Dom? Möchte sie einfach nur, dass er seine Kinder sehen kann? Oder ist es für sie doch „Rache“? Vielleicht kann mir das jemand erklären, der diesen Film auch gesehen hat.

Was ich für unsere Arbeit aus dem Film schließe:

Es erweist sich als besonders wichtig, dass man nötiges Feingefühl für Betroffene aufbringt. Es wird deutlich, dass Kommunikation nicht nur verbal stattfindet. Auch Blicke können Gedanken laut werden lassen.

Nehmt eure Patienten als Ganzheit wahr. Seht in ihnen nicht den „Pflegefall“, sondern den Menschen, der er vor seiner Erkrankung gewesen ist. Es ist nur die Hülle, die krank ist – das Innere ist gesund! Bezieht sie mit in den Alltag ein und lernt ihre Welt zu erahnen und zu erfühlen! Von besonderer Wichtigkeit ist es, Angehörige, Freunde und Bekannte zu integrieren, denn meist sind es genau sie, die am meisten mit der Situation überfordert sind.

 

* Anmerkung:

Locked-In-Syndrom:
Das Locked-in-Syndrom (“Eingeschlossensein- bzw. Gefangensein-Syndrom”) bezeichnet einen Zustand, in dem ein Mensch zwar bei Bewusstsein, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig ist, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen. (Quelle: Wikipedia)