Die hilfreiche Hand annehmen. Interview mit Michael Wächter

Michael Wächter ist einer unserer Patienten, der die Assistenzpflege in Anspruch nimmt. Wir haben ihn gefragt, wie es zu seiner Pflegebedürftigkeit gekommen ist, wie er die Assistenzpflege erfährt und wie sein Leben sich nun gestaltet.

Wie ist es denn dazu gekommen, dass du Assistenzpflege beanspruchen musstest?

Ich bin gelernter Möbeltischler, habe aber die letzte Zeit auf dem Bau gearbeitet. Dort hatte ich einen Arbeitsunfall und lag ein gutes halbes Jahr mit Hirnblutungen im Krankenhaus. Dann wurde mir geraten, mich an jemanden zu wenden, der mich betreut und pflegt.

Bei was hilft dir die Assistenzpflege jetzt?

Ich habe durch die Hirnblutungen Schwierigkeiten mit dem Sehen. Ich sehe viel, aber bis ich reagiere, ist es manchmal zu spät.
Links habe ich 5% und rechts 20% Sehstärke. Manchmal steht man da wie ein kleines Kind vor einem großen Auto und weiß nicht, was damit ist. Ich hab den sogenannten Tunnelblick. Links und rechts neben mir sehe ich nichts und was unter mir ist auch nicht. Ich muss immer gebückt gehen, damit ich keine Kinder oder Rollstuhlfahrer über den Haufen renne.

Deshalb brauche ich beim Einkaufen die Pflegekraft, und bei mir zuhause auch, wenn schriftlich etwas anliegt.

Wie ist es für dich, bei etwas geholfen zu bekommen, was du früher allein konntest?

Es war schlimm. Ich war früher ein totaler Einzelgänger. Ich wollte alles allein machen. Am Anfang hat es Herr Löwe nicht so leicht mit mir gehabt. Er wollte mir helfen, aber von mir kam immer: „Ich will nicht, geh weg!“ Aber es geht nicht ohne ihn. Das hat mir sehr viel ausgemacht. Mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt.

Wie ist das soziale Miteinander mit deinen Pflegekräften als Einzelgänger?

Einzelgänger war ich mal. Das hab ich abgehakt. Jetzt macht mir das gar nichts mehr. Ich hab hier eine Bekannte aus dem Haus, wir verstehen uns sehr gut – und wenn Herr Löwe da ist, dann sitzt er auch mit dabei, da gibts keine Probleme. Warum auch?

spaziergang-assistenzpflege

Gerade die Pflegekraft muss ja auch merken, wie ich mich verhalte, wo meine Fehler liegen, damit sie helfen kann.

Wie ist deine Verfassung jetzt?

Keiner weiß, ob das bei mir so bleibt, ob es schlechter oder ob es besser wird. Und die Operation des Blutgerinnsels, das ich im Hirn habe, will auch kein Arzt durchführen, weil das sehr gefährlich ist. Ich kann nur eins machen: Ich muss aufpassen.

Als ich aus dem Krankenhaus kam, konnte ich fast gar nichts sehen. Da hab ich alles nur verschwommen gesehen. Wenn ich Leuten begegnet bin, musste ich erst abwarten, bis sie mich anreden, bevor ich wusste, ob sie Herr oder Frau sind. Das hat sich jetzt Gott sei Dank etwas gebessert. Meine Hausärztin sagte mir: Ihr Hirn hat sich daran gewöhnt und sucht einen anderen Weg. Ob es den aber 100%ig findet, weiß keiner.

ergotherapie-assistenzpflege

Wenn noch so ein Sturz auf den Kopf kommt, ich weiß nicht, ob ich das überlebe. Also alles ein kleines bisschen langsamer machen.

Ich kann der Jedermann Gruppe nur danken, denn sie hat mich praktisch aus dem totalen Null wieder hochgeholt und ich habe dadurch gelernt, mich wieder als Mensch zu fühlen.

Das freut uns wirklich zu hören! Vielen Dank, Michael, für das Gespräch. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute!

Pflegekraft Löwe über das Miteinander

Das Problem bei Herrn Wächter ist der Tunnelblick. Nehmen Sie sich ein ca. 1,30 m langes Regenrohr, schauen Sie hindurch und registrieren Sie, was Sie noch sehen.
Hinzu kommt, dass die Sehnerven zu ca. 90% nicht durchblutet sind. Das heißt. Sie sehen schon sehr eingegrenzt und dies kommt noch gefiltert im Hirn an.

Unser oberstes Gebot ist deshalb Ruhe. Jegliche Aufregung ist schädlich. Die Entschleunigung musste auch vom Pflegeteam neu erlernt werden. Tut aber jedem gut.

Mittlerweile sind wir auch deutschlandweit unterwegs, wir fahren nach Erfurt, zu seinen Eltern nach Magdeburg, auf dem Weihnachtsmarkt, dann sind wir oft in Potsdam oder Rathenow. Also wir sitzen nicht nur hier. Er soll auch am Sozialleben teilnehmen. Und das versuche ich, ihm nahezubringen.

inklusion-assistenzpflege

Und so nebenbei: Wenn meine Frau Spätschicht hat, ist mir egal, wann Feierabend ist. Wir haben ja beide was davon. Langsam ist es wie eine alte Ehe. Aber im Positiven gesehen.

Ich kann jetzt im Nachhinein sagen, er hat wieder Freude am Leben gefunden. Er hat es geschafft, seine Krankheit anzunehmen, als einen bleibenden Teil von sich zu sehen und mit dem verbleibenden Potential und der Hilfe des Pflegeteams weiter an sich zu arbeiten.

Mein ganz persönlicher Dank gilt meinen Kollegen aus unserem Pflegeteam sowie Schwester Dana. Ebenso Herrn Job für seinen damaligen Vertrauensvorschuss auf das Pflegeprojekt Wächter.

Sie wollen Bescheid wissen, wenn ein neuer Beitrag erscheint? Unser Newsletter sagt es Ihnen!

Jetzt anmelden
Teilen