Förderung & Inklusion in der außerklinischen Intensivpflege

Ein Gespräch mit Pflegefachkraft Susanne Ryll Susanne arbeitet in unserer ambulanten Intensivpflege. Wir haben ihr einige Fragen dazu gestellt, warum sie Pflegerin geworden ist, wie sie die Ambulanz erlebt und wie sie mit ihrer Patientin den Tag verbringt.

Warum arbeitest du in der Intensivpflege?

Ich finde diese „individuelle Pflege“ schöner. Das lässt sich in einem Altenheim einfach nicht umsetzen. Da hast du große Stationen mit vielen Bewohnern und dabei chronische Unterbesetzung. Ich bin immer mit einem schlechten Gewissen nach Hause gegangen. Und in der ambulanten Intensivpflege ist das ein ganz anderes Arbeiten. Man kann mehr auf die Bedürfnisse eingehen, man hat Zeit für die Pflege und aber auch für das ganze Drumherum. Und das ist nicht nur für meine Patienten besser, auch für mich ist das natürlich weniger Stress.

Im Heim war es streckenweise so: Wenn ich jemanden gefragt hab, „na, wie geht’s Ihnen?“, dann haben die Bewohner angefangen zu erzählen, und bei mir war dann gleich der Gedanke: „Verdammt! Du musst jetzt schon wieder weiter.“ Irgendwann habe ich mir dann gesagt, dass ich jetzt keinen mehr frage, wie’s ihm geht. Und das fand ich ziemlich traurig.

Und jetzt, bei Jedermann in der 1:1-Versorgung, ist’s richtig top. Da kannst du die Patienten richtig fördern. Man hat so viel Zeit. Zum Beispiel bei der Körperpflege, da ist das völlig ok, ob das jetzt eine Stunde dauert oder noch länger. Wichtig ist, dass ich meine Patientin mit einbeziehen kann. Menschen sollten in alles einbezogen werden, was sie noch selbst machen können.

Wie förderst du die Ressourcen deiner Patientin?

Es fängt an bei der Körperpflege. Meine Patientin wäscht alles, was sie alleine waschen kann, selbst. Sie macht auch das Licht an und aus, wenn wir die Räume verlassen. Zum Essen hat sie einen Wäscheschutz, den sie immer mit mir zusammenlegt und aufräumt. Wir haben auch schon Wäsche zusammen aufgehängt, oder sie wischt den Tisch ab. Also wirklich alle alltäglichen Aufgaben, die so anfallen, da wird sie mit eingebunden. Es ist also wirklich aktive Teilhabe.

Kannst du mehr über die Patientin sagen?

Sie ist 54 Jahre alt und hatte vor sechs Jahren eine Hirnblutung. Dadurch wurde sie Knall auf Fall aus ihrem Leben gerissen. Davor stand sie noch mit beiden Beinen im Berufsleben.

Was ganz toll bei ihr ist, sie hat ein super soziales Netzwerk und eine ganz tolle Familie. Sie wohnt ja alleine, aber ihr Mann kommt täglich vorbei, bringt sie ins Bett und gibt ihr jeden Abend einen Gute-Nacht-Kuss, das hat er schon immer gemacht, von Anfang an.

Vor der 1:1-Versorgung hat sie in einer Intensivpflege-WG gelebt. Aber der Umzug in die Wohnung und die Situation mit diesem Kleinstpflegeteam ist das schönste, was ihr passieren konnte, meint sie.

Was machst du mit deiner Patientin?

Sie liebt es unheimlich, vorgelesen zu bekommen und wir gehen viel mit ihr raus, weil sie ein richtiger Draußenmensch ist. Jetzt hatten wir ja Sommer und die Frau ist super braun gebrannt, obwohl noch nicht mal großartig die Sonne schien.

Das ist’s eigentlich. Wenn man fragt, „was wollen wir denn heute machen?“, dann heißt es: „Lesen!“ Und dann, wenn es schön ist, lesen wir draußen. Ich fahr aber auch mit ihr spazieren. Im Sommer waren wir beiden auch Eis essen. Das war toll.

Außerdem kommt meine Patientin von der Ostsee, und es ist auch ein Wunsch von ihr, da wieder mal Urlaub zu machen. Sie liebt es, mit ihrer Familie dorthin zu fahren.

Und sie ist eine richtige Naschkatze: Ihr Mann ist 60 geworden, und wir waren mit eingeladen zum Kaffeetrinken. Und da hat sie Schokokuchen gegessen – ein Stück, noch ein Stück, und beim dritten haben wir gesagt, also ne, das reicht! Auf jeden Fall haben wir den Löffel hingelegt – weil sie zum Verschlucken neigt, wird ihr das Essen gereicht – und sie hat ihn dann selbst genommen und sich den Kuchen selbst vom Teller genommen. Mit so einem genialen Grinsen im Gesicht.

Da musste ich aufpassen, dass ich nicht anfange, zu heulen. Sie hat sich so gefreut darüber, dass sie jetzt heimlich den Löffel geschnappt und das Stück Kuchen gegessen hat, das war herrlich. Da habe ich sie das erste Mal richtig lachen gesehen, also das fand ich so toll.

Vielen Dank für das Gespräch, Susanne! Wir wünschen dir und deiner Patientin alles Gute!

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