Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten

Die Pflegefachkräfte unserer Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) begleiten Menschen auf ihrem letzten Lebensweg. Jule Gräser ist die stellvertretende pflegerische Leitung unseres SAPV-Teams. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Wie ist es zu Deiner Entscheidung gekommen, in der SAPV zu arbeiten?

Irgendwie war das Bestimmung für mich. Meine Mama hatte Darmkrebs. Damals habe ich mir schon gedacht, dass ich Krankenschwester werden und den Leuten helfen will. Und das hat mir schon immer Spaß gemacht.
Schon alleine, wenn meine Patienten nochmal lächeln können, ist das schon genug und macht ein gutes Gefühl, wenn man nach Hause geht.

Ich wollte aber nicht unbedingt stationär arbeiten, sondern bei den Leuten zuhause, weil: Wer will nicht zuhause sterben?
Und es gibt wenig Pflegepersonal, das sich das überhaupt zutraut, zu den Leuten nach Hause zu fahren und sie dort zu begleiten.

Kann der Umgang mit dem Sterben problematisch sein?

Ja, es ist schwierig, definitiv. Aber ich glaube, solange man ein vernünftiges soziales Umfeld hat und viel lachen kann, dann ist es nicht so schlimm. Wenn es junge Leute betrifft, ist es schrecklich, oder wenn Kinder mit im Spiel sind, ist es wirklich grauenvoll. Aber man versucht, den Leuten noch ein paar schöne Tage zu ermöglichen. Und das ist doch etwas, womit man sich auch gut fühlen kann.

Inwiefern hat die Arbeit dein Leben geprägt?

Mein Mann und ich, wir haben eine kleine Tochter. Und wir haben jetzt schon darüber nachgedacht, was passiert, wenn einem von uns etwas passiert: Was passiert mit unserer Tochter? Wir haben ganz klar mit unseren Eltern und Großeltern darüber geredet, was geschehen soll, was sie machen dürfen und was nicht. Ich gehe mit solchen Themen anders um, weil ich weiß, dass es besser ist, wenn man die Dinge schon davor geregelt hat und nicht Hals über Kopf überlegen muss, was man machen soll.
Ich bin also definitiv vorausschauender geworden. Zum Beispiel bauen wir auch gerade ein Haus, in dem alles eben ist und in dem wir auch mit Pflegebetten auf die Terrasse raus können.

Jule Gräser am Auto

Nimmst du das Leben anders wahr, seit du in der SAPV arbeitest?

Ich nehm’s mir immer wieder vor. Also das klappt manchmal ein paar Tage, aber im Endeffekt ist es eine Arbeit wie jede andere.

Das nehmen die Patienten übrigens auch positiv an mir wahr: Ich bin locker und nehme nicht immer alles so furchtbar verkrampft. Ich gehe ganz normal mit ihnen um, und ich glaube, das ist das wichtigste, was man machen kann. Es sind eben Menschen, genau wie wir.

Kümmert ihr euch auch um die Angehörigen?

Angehörigenarbeit ist ein wahnsinnig großer Teil der SAPV. Viele Menschen verschließen die Augen davor, dass Sterben einfach dazugehört. Es ist ein Tabuthema. Und wir versuchen, das zur Sprache zu bringen. Dass man offen und ehrlich darüber reden kann und sich vielleicht auch im Vorfeld schon mit dem Sterben auseinandersetzt, mit dem Leben danach, mit dem Tod. Wenn man der Thematik so begegnet, nimmt man dem eigentlichen Ereignis viel von seinem Schrecken – wenn natürlich auch bei Weitem nicht alles.

Welche Schwierigkeiten hat der Beruf?

Schichtdienst. Gerade als Mama ist man doch immer ziemlich gebunden mit den Zeiten und den Nachtbereitschaften. Aber wir haben Glück, bei uns hält sich das alles super in Grenzen, wir helfen uns gegenseitig im Team. Es gibt Mamas bei uns, deren Kinder schon aus dem Haus sind, die übernehmen dann öfter mal einen Spätdienst oder eine Nachtbereitschaft – genauso wie die, die noch keine Kinder haben.

Abgesehen davon liebe ich meine Arbeit und würde nichts anderes machen wollen.

Ist genug Zeit für die Patienten da?

Ja! Das kann man nicht mal ansatzweise mit der Hauskrankenpflege oder ähnlichem vergleichen. Wir haben eine dreiviertel Stunde bis Stunde pro Patient. Und wenn es mal länger wird, ist das auch nicht schlimm. Entweder rufen wir dann den nächsten Patienten an oder die anderen Kollegen übernehmen ihn dann.

Wie war der Basiskurs Palliative Care?

Es war sehr emotional. Am Anfang dachte ich: Gott, was ist denn das? Ganz viel reden und zuhören; zum Beispiel darüber, wie man sich seinen eigenen Tod vorstellt beziehungsweise was wäre, wenn man jemanden geliebten verlieren würde. Und das ging mir dann so tief und so nah, dass ich komplett sensibilisiert wurde. Das hat mir auf jeden Fall sehr sehr geholfen, damit umzugehen.

Wie ist der Umgang mit deinen Patienten?

Das ist alles so individuell! Entweder werde ich sofort umarmt, obwohl ich die Leute noch nicht mal kenne, und werde so herzlich und dankbar aufgenommen, oder ich wird sehr ablehnend aufgenommen, weil wir eben die sind, die die Sterbebegleitung machen. Und es gibt Menschen, die uns so sehen, als würden wir den Tod reinholen.

Es gibt immer mal wieder Patienten, die uns komplett ablehnen. Das geschieht vor allem aus Angst. Aber wenn wir einmal die Woche kommen, ist das natürlich auch ein erheblicher Einschnitt in die Lebensqualität. Unsere Patienten können dann einfach nicht so spontan sein, wie sie das sonst waren. Das normalisiert sich aber meistens schnell, wenn die Menschen uns kennenlernen.

Sie wollen Bescheid wissen, wenn ein neuer Beitrag erscheint? Unser Newsletter sagt es Ihnen!

Jetzt anmelden
Teilen