Wenn Worte fehlen – Kommunikation mit Menschen mit Demenz

Wenn die Demenz kommt, geht die Sprache. Man kann sich nicht mehr ausdrücken, wie man es möchte, man versteht nicht mehr, was andere Menschen sagen. Wenn man nicht mehr sprechen kann, verliert man sein Mitspracherecht – das ist zumindest oft so. Und daran will Marie Rohde mit ihrer Arbeit in den Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz etwas ändern.

Das Resultat gegenseitigen Unverständnisses sind Frust und Stress – und schon hat man eine Pflegesituation, mit der keiner zufrieden ist.

Kommunikation in der Pflege

Pflegequalität, Lebensqualität, das fängt für Marie immer bei der Kommunikation an. Sie ist die Grundlage für unser Miteinander, für alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Und diese sind das wichtigste Medikament für Menschen mit Demenz, meint Marie. Verstehen wir einander nicht, handeln wir am Menschen vorbei – da können die Pflegetechniken noch so gut sitzen.

Musikgeragogik 03

Deshalb betätigt sie sich in unseren WGs für Menschen mit Demenz neben ihren musikgeragogischen Angeboten als Interaktionsberaterin. Ihre Fragestellungen:

  • Wie kann man einen Zugang zu den Bewohnern finden?
  • Wie kann ich Missverständnissen aus dem Weg gehen?
  • Welche Situationen sind besonders herausfordernd?

Gemeinsam mit den Pflegekräften überlegt sie dann, was man besser machen kann. Das fängt bei einzelnen Pflegehandlungen an – Essenanreichen, Ankleiden, Wecken etc.

Dabei schaut Marie nicht auf die Handlungen an sich, sondern immer nur darauf, wie dabei mit den Bewohnern umgegangen wird, welche Interaktion besteht. Wie wird der Bewohner begrüßt? Besteht Blickkontakt, bevor eine Handlung begonnen wird? Welche Gesten werden benutzt – und wie reagiert der Bewohner darauf?

Wichtig dabei: Keiner soll hier das Gefühl bekommen, einfach nur ein Konzept aufgebrummt zu bekommen, an das man sich dann halten muss. Deshalb hat Marie im Vorhinein alle Mitarbeiter vor Ort befragt, um sich ein Bild von der Situation machen zu können und um möglichst individuell auf die Pflegekräfte und die Patienten eingehen zu können.

Das Ziel

Im Gespräch mit den Pflegekräften der WG war schnell klar, dass eigentlich jeder dasselbe will: Ein entspanntes Arbeitsumfeld, Spaß bei der Arbeit, bestmögliche Bedingungen für Bewohner und Pflegekräfte eben. Und es ist wichtig, eine solche Atmosphäre zu schaffen.

Denn Pflegekräfte leisten eine wirklich herausfordernde und komplizierte Arbeit. Sie müssen viel machen, und dabei hilft es natürlich, wenn alle sich gut verstehen.

Ein Beispiel aus den Augen der Demenz

Das ist alles erstmal leicht gesagt. Große Worte sind schnell gefunden. Aber darum geht es Marie nicht, sie will es möglichst konkret und praktisch. Daher die ständige Begleitung in den WGs, um die Situation eines Menschen mit fortgeschrittener Demenz besser zu verstehen, hilft ein konkretes Beispiel:

„Ich verstehe nur noch Sprachbrocken. Nur noch einzelne Wortfolgen, manchmal nur noch vereinzelt Wörter. Der Klang der Stimme, den verstehe ich, daran kann ich erkennen, wie es meinem Gegenüber geht.
Ich muss immerzu überlegen, was ich sagen möchte, und brauche dann auch noch furchtbar lange dazu.
Ich kann mich nicht daran erinnern, was vor fünf Minuten war.
Meine Kinder kommen heute? Das wusste ich nicht.
Die Kartoffeln haben mir heute nicht geschmeckt und außerdem würde ich gerne das grüne Hemd anziehen. Aber das kann ich alles nicht mit Sprache ausdrücken.
Ein Vogelzwitschern oder ein vorbeifahrendes Auto lenken mich schnell von dem ab, was ich eigentlich tun wollte.
Das ist anstrengend!“

Stellt man sich vor, dass diese Gefühle, diese Gedanken einen Menschen mit Demenz umtreiben, ist klar, dass sie empfindlich auf gereizte Befehle reagieren. Den Sinn verstehen sie nicht mehr. Was übrig bleibt, ist die Aggressivität in der Stimme, und die löst oft Furcht oder ebenfalls Wut aus.

Marie Rohde bei ihrem Vortrag über Musikgeragogik

Marie Rohde bei ihrem Vortrag auf dem KAI 2016

Und was soll man jetzt machen?

Schwierig, anfangs zumindest. Wir sind es schließlich gewohnt, in Sprache zu denken. Und mit Sprache, also mit dem Sinn des Gesagten nichts mehr ausrichten zu können, das erfordert ein Umdenken.

Was kann man sonst machen? An sich gar nicht mal so wenig: Tatsächlich verlagert sich die Kommunikation bei Menschen mit Demenz zunehmend auf die Körpersprache, darin ist sich auch die Forschung einig. Und damit sind viele Möglichkeiten gegeben.

Noch ein Beispiel: Ein Bewohner mit Demenz sitzt am Tisch, ist komplett verstummt und guckt mit Tunnelblick über den Tisch. Wie soll man ihm jetzt das Essen anreichen, wo er nicht reagiert? Auf ihn einreden, oft vielleicht auch noch von der Seite, das bringt wenig. Stattdessen kann man schauen, wo gerade die Aufmerksamkeit des Bewohners liegt. Was guckt er an? Dadurch, dass man zum Beispiel den Finger in sein Blickfeld schiebt, gemeinsam in seine Richtung blickt und das beschreibt, was beide sehen, erreicht man ihn dort, wo er gerade ist. Dadurch zeigt man: „Da ist was Interessantes, ich nehme das auch wahr“, und schon kommuniziert man miteinander.

Damit er gut auf das Essen anreichen reagieren kann, ist es wichtig, ihn in seinem Blickfeld, auf Augenhöhe, anzusprechen und ihm z.B. dabei den Löffel mit dem Essen zu zeigen. Hilfreich ist es, dabei genau über das zu sprechen, was man gerade tut: „Hier, ein Bissen mit Kartoffel!“
Wird der Löffel langsam in seinem Sichtfeld zum Mund geführt und, wenn der Fokus des Bewohners abnimmt, unterstützende Gesten genutzt, ist eine klare Kommunikationssituation geschaffen, die für beide entspannter ist.

Das Nonverbale, das Körperliche, all das wird immens wichtig im Umgang mit Menschen mit Demenz. Natürlich kann und sollte man dabei auch weiterhin sprechen, aber der Sinn des Gesagten ist für uns Menschen ohne Demenz am Ende wichtiger als für sie.

Was dabei vielleicht noch klar gemacht werden sollte, ist Folgendes: Bei dieser Herangehensweise geht es nicht darum, Menschen mit Demenz als Problem zu betrachten, das es zu lösen gilt, sie „leichter pflegbar“ zu machen. Es geht darum, sie als Menschen wahrzunehmen, sie in dieser Hinsicht ernst zu nehmen und auch wertzuschätzen.

„Wer mit demenzkranken Menschen und für sie lebt, erfährt sehr intensiv, dass sie alles andere als wandelnde Hüllen sind. Nichts an ihnen ist aufgesetzt, nichts unter Höflichkeit und Konventionen verborgen. Sie sind sensibel, liebevoll, charmant, offen, ehrlich, direkt, ungeschminkt.“ (Michael Schmieder und Uschi Entenmann)

Wie hilft das bei der Arbeit der Pflegekräfte?

Fühlen sich die Bewohner verstanden und ernst genommen, indem man ihnen in der Kommunikation entgegenkommt, sind sie entspannter und zufriedener. Das führt auch dazu, dass die Pflegenden leichter arbeiten können; und der ganze Alltag wird dadurch entspannter, schöner und leichter für alle Beteiligten.

Natürlich geht das Ganze nicht ohne Anstrengung, vieles benötigt Zeit, um sich zu entwickeln.

Marie hat eine Checkliste ausgearbeitet, die sie nach und nach mit den Pflegekräften der WG durchgeht, um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, um die Interaktion eindeutiger zu gestalten.

  • Stelle Blickkontakt her, bevor du mit dem Bewohner etwas tust
  • Nutze Gesten
  • Mache den Bewohner nicht mit lauter und strenger Stimme auf seine „Fehler“ aufmerksam
  • usw.

In der ersten ambulanten Wohngruppe sind Resultate dieser Herangehensweise bereits spürbar, meint Marie. Das Stichwort hierbei ist tatsächlich aber auch „ambulant“, denn um so ein Konzept umsetzen zu können, braucht es Zeit für Fürsorge, für das Aufeinander-Eingehen.

Das ist sehr schwer möglich, wenn man alleine für mehr als 20 Leute zuständig ist. In außerklinischen Wohnformen hingegen hat man wirklich die Zeit, etwas zu verändern und dadurch die Lebens- wie auch die Arbeitsbedingungen deutlich zu verbessern.

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