Eine schwere Entscheidung für ein leichteres Leben

Sicher & familiär leben in den Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz

Der Vater von Frau Sternsdorff wohnt seit fast 8 Jahren in einer unserer Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sein Leben dort aussieht, wie sie die Pflege empfindet und wie ihr Leben mit der Pflege ihres Vaters sich gestaltet.

Wie kam es zu der Entscheidung, dass Ihr Vater in die WG einzieht?

Mein Vater konnte nicht mehr zuhause leben, er ist nicht mehr alleine zurecht gekommen. Wir wohnen zwar im gleichen Haus, sind aber alle berufstätig und können uns nicht rund um die Uhr um ihn kümmern. Wir hatten auch einen Pflegedienst zuhause, der uns aber auch einen Heimplatz nahegelegt hat.

Wir hatten dann das Glück, dass Jedermann das Re-Generationenhaus am Hauptbahnhof gerade eröffnet hatte, und da war noch ein Platz frei, den wir auch gleich genommen haben.

Ich bin heute immer noch glücklich darüber, dass das so gut geklappt hat. Schon alleine, weil es ja auch kein Heimplatz ist, sondern einer in einer Demenz-Wohngruppe. Es sind ja wirklich nur acht Leute, die dort rund um die Uhr betreut werden. Was besseres gibts eigentlich gar nicht.

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Wie war der Umzug für Sie und für Ihren Vater?

Ich war nervlich am Ende, es war sehr emotional. Aber die Schwestern dort sind alle so lieb, die haben mich total aufgefangen und aufgebaut. Und meinem Vater sind sie sehr entgegengekommen. Das ist das schöne an den WGs, da gibt es auch die Zeit dafür! Die Schwestern haben mich vorher gefragt, was mein Vater gerne isst, was sein Lieblingsessen ist, was er noch tun kann.

Er konnte damals noch Kartoffeln schälen, manche können noch Gemüse putzen – jetzt kann mein Vater das nicht mehr, jetzt sitzt er nur noch im Rollstuhl und wird gefüttert. Aber damals haben sie ihn noch mithelfen lassen, also sie gehen immer individuell auf den Zustand ihres Patienten ein und sind rund um die Uhr für ihn da.

Ich bin zufrieden und glücklich, dass es so eine Einrichtung gibt. Für meinen Vater wäre auch nichts anderes in Frage gekommen.

Mein Vater ist auch immer sehr gepflegt: Einmal kam er überraschend ins Krankenhaus, und auf der Station haben mir die Schwestern auch gesagt, dass er wirklich gut gepflegt ist.

Die Schwestern halten das Zimmer immer sauber, waschen die Wäsche, sie kochen – frisch! Wie zuhause. Also das ist wirklich einfach toll.

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Meinem Vater ist der Umzug anfangs schwer gefallen, muss ich sagen. Er hat schon mitbekommen, was passiert, und hat auch mal gesagt: „Ich will nach Hause.“ Aber er hat mir dann erzählt, er will nach Hause nach Polen, wo er geboren wurde, zu seiner Mutter. Man muss eben gucken, dass man da mit einsteigt, dass man richtig mit dem Menschen mit Demenz umgeht.

Und ich habe auch wieder ins Leben zurückgefunden: Vor dem Umzug war ich immer nur zuhause und war wirklich verzweifelt. Ich konnte ja viele soziale Kontakte nicht mehr pflegen, musste einige Freundschaften aufgeben, weil ich es einfach nicht geschafft habe. Jetzt kann ich mich auch mal wieder mehr um mein Enkelkind kümmern, Freunde treffen und solche Sachen. Oder ich unternehme einfach mal was, komme aus dem Alltag raus. Das gabs vorher so alles nicht mehr.

Zur Info

Wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird, ist das nie leicht. Sie können dem aber begegnen, indem Sie sich klar machen, was auf Sie zukommen wird. In unserem Beitrag Mein Angehöriger wird pflegebedürftig – was kommt auf mich zu? haben wir einige Tipps für Sie.

Haben Sie Kontakt zu den Angehörigen der anderen Bewohner?

Wir Angehörigen untereinander freuen uns auch, wenn wir uns sehen. Zu Weihnachten haben wir uns zum Beispiel auch mit den anderen abgesprochen, wer Heiligabend da ist oder am ersten Tag da ist und Kuchen mitbringt. Das ist tatsächlich so was wie eine große Familie.

Wie oft sehen Sie Ihren Vater?

Von meiner Arbeit sind es 5 Minuten Fußweg zur WG. Da kann ich auch in der Pause mal hingehen oder nach der Arbeit. Da gebe ich ihm dann öfter mal ein Stück Kuchen, füttere ihn und da freut er sich.

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Oder am Wochenende fahre ich mit meinem Mann hin zum Kaffeetrinken und dann sitzen wir alle an einem Tisch. Das ist für die anderen Bewohner natürlich auch schön, die Abwechslung. Aber sowieso sitzen die Bewohner nicht einzeln in ihren Zimmern, jeder für sich, sondern alle sind in den Gemeinschaftsräumen.

Wie haben Sie das Zimmer Ihres Vaters eingerichtet?

Das Zimmer war leer, das haben wir gemeinsam eingerichtet. Man kann Möbelstücke von zuhause mitnehmen, den Lieblingssessel meines Vaters zum Beispiel. Er braucht zwar ein Pflegebett, das hat er auch, aber wir haben ihm mit Bildern, ein paar Teilen seiner Schrankwand und seinem Nachtschränkchen ein wenig seine alte Wohnung nachgestellt. So wird das ganze heimischer.

Was wird mit Ihrem Vater unternommen?

Mein Vater sitzt im Rollstuhl. Da kann man schon mal spazieren gehen, wenn ich das mache, möchte ich aber, dass mein Mann mitkommt, denn ich habe immer ein bisschen Angst, dass er zum Beispiel nicht mehr weiter will. Und er kann da auch Kräfte entwickeln. Vom Pflegepersonal gibt es auch jemanden,der die Leute betreut, der ihnen etwas vorliest, der auch mal mit den Bewohnern rausgeht, spazieren. Das ist meinem Vater vertrauter. Da hat er keine Angst. Aber wenn ich jetzt mit ihm gehe, da merkt man, er hat Angst. Und dann sträubt er sich halt manchmal.

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Wie ist Ihr Kontakt zur Jedermann Gruppe?

Ich kann mich nicht beklagen. Als Angehörigensprecherin stehe ich öfter im Kontakt mit der Pflegedienstleitung. Wenn die Angehörigen etwas auf dem Herzen haben, können sie mir das sagen und ich spreche das dann ab. Es gab aber in den ganzen Jahren, die ich das jetzt mache, nie groß Probleme.

Die Schwestern sagen oft genug zu mir, dass ich mit Probleme und Fragen zu ihnen kommen kann, dass sie mich auffangen, ein offenes Ohr für mich haben.

Andersrum versuch ich aber auch, das bei den Schwestern so zu machen! Sie haben mir mal eine Karte geschrieben, in der sie sich dafür bedanken, dass ich für sie da bin. Es ist ein Geben und Nehmen, ein Füreinanderdasein.

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