Ein Theaterprojekt von Menschen mit Demenz

„An Bord eines Schiffes kommen die Passagiere in der Abenddämmerung im Salon zusammen. Sie leisten sich Gesellschaft beim Erinnern und Vergessen und vertreiben sich die Zeit mit Singen, Rätseln, Reden und Schweigen. Währenddessen wiederholt sich, wie nebenbei, das ewige Spiel des Lebens: die Liebe.“

Ein Theaterstück wie jedes andere…oder doch nicht? Auf der Bühne stehen keine gewöhnlichen Schauspieler, sondern Improvisationsschauspieler, Menschen mit Demenz und Begleiter.

„Menschen mit Demenz auf einer Theaterbühne? Das geht doch nicht!“ denken viele.

Dass es dennoch funktionieren kann, hat ein Projekt der Caritas, des Kreisseniorenrates und des Stadttheaters Konstanz gezeigt.

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Menschen mit Demenz am Theater?

Während meiner Studienzeit bin ich auf das Theaterstück gestoßen, welches Menschen, die an Demenz erkrankt sind, wortwörtlich in den Mittelpunkt stellt. Ich fand das Projekt mutig und beeindruckend zugleich. Ich konnte mir eine solche Inszenierung unter diesen Bedingungen nicht recht vorstellen.

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Menschen, die an Demenz erkrankt sind, haben neben der Einschränkung des Gedächtnisses auch Probleme mit der Aufmerksamkeit, der Sprache, der Auffassungsgabe und dem Orientierungssinn. Dies führt dazu, dass gewohnte Alltagsaufgaben nicht mehr wie zuvor ausgeübt werden können.

Noch viel beängstigender ist für Angehörige jedoch, dass sich das Sozialverhalten, die Persönlichkeit und der Antrieb oder die Stimmung verändern. Das Thema Demenz wird auch deshalb in der Gesellschaft häufig tabuisiert; und das, obwohl derzeit 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt sind.

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Umso begeisterter war ich von dem Theaterstück. Das Projekt ist ein sehr schöner Ansatz, das Thema Demenz zu enttabuisieren und die Demenzkranken auf eine ganz neue Weise in die Gesellschaft zu integrieren, um bestenfalls zum Nachdenken und zum Austausch anzuregen, um Ängste und Sorgen der Gesellschaft abzubauen.

Proben, Applaus und Demenz

Die einzelnen Szenen des Stücks wurden aus Gesprächen zwischen den Betroffenen, Angehörigen und Mitarbeitern aus den beteiligten Einrichtungen entwickelt. Im Stück sprechen sie darüber, was es heißt, einen Menschen mit Demenz zu pflegen. Sie reden über Angst, Sorgen, Liebe, Hoffnung, Verzweiflung und Traurigkeit und darüber, was ihnen schwerfällt, aber auch, was sie als hilfreich empfinden.

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Frau Traub, die fachliche Leitung des Projektes, beschreibt das Projekt als eine Theaterreise, die von Faszination, Freude und Neugier im Ensemble geprägt ist. Sie war beeindruckt vom Vertrauen und der Offenheit der Darsteller.

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Um das Thema des Stücks zu vertiefen, machte das Ensemble einen gemeinsamen Ausflug mit einer Fähre – schließlich spielt das Stück auf einem Kreuzfahrtschiff. Die ersten Hauptproben standen an, die Passagiere waren gelassen, die Begleiter, Angehörigen und Leiter aufgeregt. Groß war die Erleichterung, als alle gut durch das Stück gekommen waren.

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Alle waren begeistert. Die sieben geplanten Vorstellungen waren schnell ausverkauft, sodass noch zwei weitere angeschlossen wurden. Es kam weit mehr Applaus und Anerkennung als erwartet.
Die Momente der Zusammenarbeit mit den Demenzkranken wurde nicht nur von den anderen genossen, das Wohlgefühl spürten auch die Erkrankten selbst, sei es während der Proben, der intensiven Gespräche auf dem Weg nach Hause oder beim Feiern nach den Aufführungen.
Die Schauspieler konnten zeigen, dass sie mehr sind als alt, hilfebedürftig und dement.

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Grundlage für diese gelungene Theaterarbeit war sicher die Behutsamkeit, Achtung und der Respekt gegenüber den Darstellern. Denn die Demenz und Vergesslichkeit waren und sind in diesem Projekt immer wieder Themen, denen Beachtung geschenkt wurde.

Warum mich das Projekt fasziniert

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Aktivierung von Menschen mit Demenz

Das Projekt begeistert mich auf verschiedenen Ebenen. Zum einen finde ich es wichtig, das Thema Demenz mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu rücken. Ein Theaterstück ist sehr anschaulich und regt zum Nachdenken und Austausch an.
Zum anderen kann ich nachvollziehen, was es bedeutet, mit an Demenz Erkrankten zusammenzuarbeiten. Jeder Tag ist eine Herausforderung, gerade weil die Krankheitsphasen voranschreiten und es gute und schlechte Tage gibt.

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Das Theaterprojekt hat es geschafft, bei den dementen Menschen ein Interesse zu wecken, was dazu geführt hat, dass sie gerne teilgenommen haben. Es ist mit Sicherheit nicht einfach, dieses Interesse länger aufrechtzuerhalten. Ein Schlüssel ist sicherlich die Verknüpfung von jungen und alten Menschen.
Das Kennenlernen über die gemeinsamen Proben, der Ausflug und die Zeit, die alle Beteiligten miteinander verbracht haben dienen dem Training kognitiver Fähigkeiten.

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Das Bedürfnis, zu spielen, gehört zum Menschsein dazu. Diesen Spieltrieb möchte ich in meiner Tätigkeit in der Tagespflege erhalten und fördern. Ich möchte ein Gemeinschaftsgefühl schaffen, indem wir Zeit miteinander verbringen und diese so ausfüllen, dass daraus Befriedigung und Sinn entstehen. Das kann ich durch geplante Gruppenangebote, die ich während der alltäglichen Aktivitäten in die Tagesstruktur mit einfließen lasse, bewirken.

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Selbstwertgefühl und Wohlbefinden

Genau wie beim Applaus des Theaterpublikums zählen die Steigerung des Selbstwertgefühles das Wohlbefinden, denn Beachtung und Anerkennung zählen zu den stärksten Eindrücken. Deshalb verstehe ich auch jedes Gruppenangebot in der Tagespflege als Erfolg: Es gibt keine falschen Antworten, durch den Perspektivwechsel ist die Antwort ein Ereignis, das ich geschmückt darstelle, im Zusammenhang mit der Biografie.

Biographie im Theater

Im Theaterspiel wurden die Passagiere an Bord des Schiffes mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, d. h. sie brauchten ihre Rollen nicht „proben“, denn ihre Lebensgeschichte mit ihren prägenden Erlebnissen ist der Text ihres Lebens. Deshalb ist in der Pflege und Betreuung dementer Menschen die Biografiearbeit ein wichtiger Bestandteil der täglichen Arbeit.

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Je mehr Informationen über das Leben des einzelnen zusammengetragen sind, desto besser können Verhaltensweisen verstanden werden.
Das Theaterprojekt ist eine gelungene Gratwanderung zwischen Freud und Leid. Ich bin der Meinung, dass dieses Projekt für alle Menschen eine Bereicherung sein kann, denn es beinhaltet das Leben.

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Quellen:
https://www.demenz-service-ruhr.de/gemeinsam-vorhaenge-oeffnen.html
https://www.alzheimer-bw.de/fileadmin/AGBW_Medien/AGBW-Dokumente/Infoservice-Aktivierung/alzheimer_aktuell_11_3_Theater.pdf
https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/alz/mgh-projekt/miteinander_fuereinander_barrierefrei_05092012.pdf

Ein herzlicher Dank für die Nutzung der Bilder geht an die Fotografin Judith Schlosser.

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