Farben und Demenz

Die Wirkung von Farben auf Menschen mit Demenz

Geschrieben von Johannes Schleicher am 4. Mai 2021
Kategorie: Demenz

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Farbe ist ohne Licht nicht zu denken. Und genauso wenig ist Stimmung ohne Farbe zu denken. Unsere Emotionen hängen natürlich nicht komplett, aber doch zu einem großen Teil von der Helligkeit und der Farbe unserer Umgebung ab. Das ist für Menschen mit Demenz genauso wie für Menschen ohne Demenz.

Weiterführende Infos

Das lässt sich natürlich einmal aus der optischen Wirkung von Farbe auf unsere Psyche erklären. Andererseits beeinflusst Licht – und damit Helligkeit und Farbe – auch vegetativ gesteuerte Vorgänge in unserem Organismus.

Da ist allerdings nicht die einzige Funktion, die Farbe in unserem Leben bzw. in dem von Menschen mit Demenz hat. 

In diesem Beitrag gehen wir darauf ein, welche Auswirkungen Farbe und Helligkeit auf Menschen mit Demenz haben können.

Die Wirkung von Farben auf Mensche mit Demenz

An Demenz erkrankte Menschen sind für die Ausstrahlung, die Farben und Licht einem Raum verleihen, ganz besonders empfänglich. Vielleicht liegt das daran, dass die Kognition abnimmt und man sich dadurch automatisch eher auf die Emotionalität der Umgebung bezieht. 

Neben Emotionen können Farben jedoch auch Gedanken evozieren, Erinnerungen wecken. Und diese Wirkung auf das Langzeitgedächtnis ist für Menschen mit Demenz extrem wichtig, da dieser Teil des Gehirns noch gewöhnlich der letzte ist, der von der Krankheit betroffen wird.

Gibt es Farben, die positiver wirken als andere?

Spricht man über die Wirkung von Farben, gerät man oft in die Gefahr, esoterisch zu wirken. Die Wirkungen der verschiedensten Farbtherapien sind auch nicht wissenschaftlich erwiesen. Was man jedoch sagen kann, ist folgendes: 

Im Alter verengt sich die Pupille, es dringt weniger Licht ins Auge. Das Resultat ist, dass blaues Licht immer weniger intensiv wahrgenommen wird, bei fortgeschrittener Verengung wird es eher als Grau wahrgenommen. Rottöne kann das Auge allerdings noch aufnehmen. Das heißt, dass Rottöne rein biologisch eher eine Wirkung auf den Menschen haben. 

Übrigens ist das nicht die einzige Veränderung, die mit dem Sehapparat vonstatten geht. Zudem trübt sich die Linse im Auge, dadurch nehmen die Kontrastwahrnehmung und die Tiefenwahrnehmung ab, die Blendempfindlichkeit jedoch zu. Auch darauf muss man eingehen, wenn man über ein Farbkonzept in den Wohnräumen von Menschen mit Demenz nachdenkt.

"Viel hilft viel" gilt hier nicht

Abnahme der Kontrastwahrnehmung und weniger Lichteinfall ins Auge, das legt nahe, kräftige Farben zu nutzen und den Raum so hell wie möglich zu halten. Zu viele Eindrücke können aber auch leicht verwirren und die Sinne gewissermaßen "überfluten", was oft Ängste bei den Menschen mit Demenz auslöst. 

Welche Farbe ist die beste für Menschen mit Demenz?

Die beste Farbe gibt es nicht. Farbe ist ein sehr wichtiges, jedoch bei weitem nicht das einzige Element, wenn es um das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz geht. So sollte sich die Farbe harmonisch in den Rest der Gestaltung einfügen. Zu Farbe und Licht kommt hier zum Beispiel noch hinzu, aus welchem Material Decken, Wände und Boden sind, welche Form der Raum hat, welche Einrichtungsgegenstände darin stehen etc.

Prinzipiell sind helle, rötliche Farben von Vorteil. Sie suggerieren  Wärme und Leben. Doch kann beispielsweise auch ein helles Waldgrün seine Wirkung zeigen, indem es Ruhe und Natur ausstrahlt, weshalb dagegen nichts einzuwenden ist, wenn das Ganze stimmt.

Vermeiden sollte man zu dunkle Farben (Dunkelblau, Schwarz), weil diese leicht ein Bild von Leere, Wasser etc. hervorrufen können, wodurch die Menschen Angst bekommen, diese Farben zu betreten oder zu überschreiten.

Gibt es vorteilhafte Muster?

Muster können je nach Komplexität auch schnell Verwirrung stiften und reizüberflutend wirken. Allerdings kann man beispielsweise durch Tapete mit Mustern von vor 30-40 Jahren auch alte Erinnerungen wecken und damit das Langzeitgedächtnis aktivieren, was wiederum einen positiven Effekt haben kann. Deshalb gilt auch hier: Nicht übertreiben, aber in Maßen kann es hilfreich sein.

Was muss man bei der Beleuchtung beachten?

Helligkeit ist nicht nur freundlich, sondern bietet auch Sicherheit. Was man sehen kann, kann man erkennen. Dort lauern keine Gefahren. Deshalb ist vor allem zu beachten, dass die Beleuchtung alle Ecken der Wohnung erreicht. 

Auch sollte man zu viel Schatten vermeiden, um optischen Illusionen vorzubeugen. 

Indirekte Beleuchtung ist zudem angeraten, um die erhöhte Blendempfindlichkeit mit einzubeziehen. 

Ein Richtwert der Helligkeit sind 500 Lux auf Augenhöhe. Das ist schon recht hell, aber noch nicht unangenehm. Helligkeit beruhigt und wirkt sich auch positiv auf die Stimmung aus. Dass dem so ist, können wir uns vergegenwärtigen, wie wir uns bei Regenwetter oder Sonnenschein fühlen, auch wenn wir die Wohnung nicht verlassen. 

Pastellfarben unterstützen das Helligkeitsgefühl noch einmal mehr. 

Die Blendempfindlichkeit ist im Übrigen auch der Grund dafür, dass man keine spiegelnden oder blendenden Oberflächen in der Wohnung haben sollte. Schnelle, grelle Lichtreflexe wirken leicht reizüberflutend und können Anspannung verursachen.

Küche in einer unserer WGs

Diesen Aspekten tragen unsere WGs für Menschen mit Demenz im Havelkiez Rechnung.

Farben, Beleuchtung & Orientierung

Bei fortschreitender Demenz nimmt die Kognitionsfähigkeit kontinuierlich ab. So kann man zum Beispiel irgendwann keine komplexen Bilder (3D-Effekt) mehr entschlüsseln, keine Wörter mehr lesen und oder erinnert sich in einem weit fortgeschrittenen Stadium nicht mehr an sein eigenes Aussehen. Farbe als fundamentaler Markierer kann hier von Hilfe sein, wenn einfache Piktogramme oder Wörter keinen Nutzen mehr haben. So kann man zum Beispiel die Zimmertür der betreffenden Person oder wichtige Gebrauchsgegenstände in einer gewissen Farbe halten, um durch die Farbgebung Orientierung und ein wenig Struktur aufrecht zu erhalten. 

Bunte Türen in den WGs für Menschen mit Demenz

Auch Beleuchtung kann zur Orientierung dienen. Einerseits selbstverständlich, indem der zu beschreitende Boden gut gesehen werden kann, andererseits jedoch auch als Zeitgeber. Ist es dunkel, ist es Abend, ist es hell, ist es Tag. Diese natürliche Art der Beleuchtung sollte man auch bei künstlichem Licht beibehalten. 

Wenn Menschen mit Demenz in unseren WGs Angst in der Dunkelheit haben, bekommen sie ein kleines Nachtlicht oder eine Lichterkette ins Zimmer, wenn sie das möchten. Allerdings bleibt es insgesamt trotzdem dunkel im Zimmer.

Farbe & Licht bei Hinlauftendenz

Man kann Farbe und Licht auch quasi umgekehrt einsetzen: Wenn ein Mensch mit Demenz eine Hinlauftendenz zeigt, kann man die Wohnungstür beispielsweise in der Wandfarbe anmalen und sie dunkler beleuchten. So wird sie von der betreffenden Person bestenfalls übersehen, wodurch sie sicher in den eigenen vier Wänden bleibt. 

Dazu soll allerdings gesagt sein, dass man den Menschen zwar so einerseits schützen kann, indem er sich draußen nicht in Gefahr bringen kann, es sich hier andererseits ganz klar um eine Täuschung des betreffenden Menschen handelt. 

Bevor man also zu einem solchen Mittel greift, sollte man eventuell andere Methoden ausprobieren, beispielsweise ein Armband mit Sensor. Die Tür an sich darf man auf keinen Fall verschließen, da es sich dabei um eine freiheitsentziehende Maßnahme handeln würde.

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