Wenn die Gedanken gehen – Betreuung von Menschen mit Demenz

Sven Detka ist Pflegefachkraft und betreut Menschen mit Demenz. Wir haben mit ihm über seine Arbeit und die Besonderheiten der Pflege von Menschen mit Demenz gesprochen.

Wo arbeitest du genau?

Ich arbeite in der Tagespflege der Jedermann Gruppe, die sich in der Burgmühle befindet. Wir betreuen hier 12 Gäste. Wir strukturieren ihren Alltag, mit Frühstück, Mittag und Vesper, und bieten verschiedene Beschäftigungen sowie Betreuung und selbstverständlich auch pflegerische Versorgung an.

Um acht Uhr morgens werden unsere Gäste aus dem Betreuten Wohnen abgeholt, dann fahren wir hierher in unsere Räumlichkeiten und essen erstmal in gemütlicher Runde ein gemeinsames Frühstück, zu dem wir Mitarbeiter uns auch immer mit dazu setzen.

Die Tagesstruktur ist also wichtig für Menschen mit Demenz?

Die Tagesstruktur ist mit das wichtigste, gerade, da Menschen mit Demenz oft Gedächtnislücken haben oder auch gar nicht wissen, welcher Tag oder welche Uhrzeit ist. Das ist aber nicht das einzige. Gemeinsam zu sein, beieinander, das ist auch wirklich maßgeblich für die Arbeit hier.

Zur Info

In unserem Beitrag zum Umgang mit Menschen mit Demenz haben wir 13 wichtige Tipps für Sie gesammelt.

Dazu ist eine vertrauensvolle Atmosphäre unerlässlich: Ruhige Musik, Mitarbeiter, die nicht hektisch oder unruhig sind, gemeinsames Zusammensitzen und Erzählen, so etwas schafft das Gefühl, dass man hier in der Gemeinschaft angekommen ist.

„Ich gestalte das Angebot eher sehr individuell, indem ich auf die Befindlichkeit der Gäste eingehe.“

Wie organisiert ihr die Beschäftigung?

Wir haben hier einen Beschäftigungsplan, der genau darlegt, was wir mit unseren Gästen machen:

  • Frühstück von 08:00 bis 10:00
  • zwischendurch Zeitungsschau
  • 09:15 bis 09:45 Gymnastik oder Gedächtnistraining

Aber über 50% unserer Gäste sind an Demenz erkrankt, deshalb gestalte ich das Angebot eher sehr individuell, indem ich auf die Befindlichkeit der Gäste eingehe, aber manchmal zum Beispiel auch auf das Wetter: Wenn es angenehm ist, kann man im Sommer die Gymnastik auch auf der Terrasse machen, wenn es regnet oder zu heiß ist, bleiben wir drinnen.

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Oder wenn ich merke, dass die Leute müde sind, dann machen wir Gymnastik. Sonst schlafen die Gäste ein, und das ist dann auch nicht sinnvoll, weil sich dadurch der Tag-Nacht-Rhythmus verschieben kann.

Wir haben hier viele Beschäftigungsangebote, aus denen wir schöpfen können: Gedächtnistraining, Denksportaufgaben, Konzentrationsspiele und so weiter.

Ein Konzentrationsspiel kann zum Beispiel so ablaufen: Ich platziere fünf oder sechs Gegenstände auf einem Tisch. Dann gucken wir sie uns an, sprechen darüber, ob auch jeder sie erkennt, was das für Gegenstände sind, was man damit machen kann, was – wenn’s zum Beispiel ein Kochlöffel ist – sie mal gekocht haben: Sie sollen etwas damit verbinden.

Dann lege ich ein Tuch drüber, nehme einen Gegenstand weg und die Teilnehmer müssen dann erkennen, welcher fehlt.

Es gibt auch Beschäftigungsangebote in der großen Runde, das ist dann eine bunte Mischung aus Beschäftigungen: Da sind dann Bewegungskarten mit dabei, Biographiekarten, Quizfragen, Spiele wie „Was wäre, wenn man 3 Wünsche frei hätte?“, wo man auch mal so ein bisschen rumspinnen kann. Daran kann jeder teilhaben und keiner geht unter. Natürlich kann es passieren, dass ein zwei so ein bisschen abschalten nach einer halben Stunde.

10 Fakten über Demenz

Viele Dinge über Demenz sind bekannt – einige weniger. In unserem Beitrag 10 Fakten über Demenz gehen wir auf das ein, was nicht jeder weiß.

Für Leute, die Bewegungsdrang oder eine sogenannte Hinlauftendenz haben, haben wir hier durch die Terasse auch die Möglichkeit, dass sie sich dort bewegen oder draußen sind, oder manchmal gehen wir spazieren.

Allerdings können wir nicht jeden auf einen Spaziergang mitnehmen, weil manchmal die Gefahr besteht, dass die Gäste nicht mehr zurückkommen wollen, sondern eher ihre Mutter besuchen wollen, zur Arbeit gehen wollen oder ähnliches. Das muss man dann einfach individuell abschätzen.

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Was macht die Jedermann Gruppe besonders in der Demenzpflege?

Wir arbeiten weiter daran, kleine Wohngruppen zu fördern; größere Pflegeeinrichtungen sind aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäß. Dafür muss Wohnraum gefunden werden, der demenztauglich ist. Man kann nicht irgendein Gebäude nehmen und da dann einfach Leute reinsetzen. Die Stadt braucht mehr kleine Wohnprojekte: Menschen sollen individuell betreut werden können.

Was die spezielle Betreuung angeht, da ist auf jeden Fall Marie Rohde und die Musikgeragogik zu nennen: Musik ist immer toll, aber vor allem auch für Menschen mit Demenz. In der Musik finden sich viele Emotionen und Erinnerungen wieder, und es ist toll, Menschen mit Demenz so zu aktivieren.

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