Hin zum anderen – Kommunikation mit Sterbenden

Die Kommunikation mit Menschen, die sich im Sterben befinden, ist nicht leicht. Oft fehlen einem die Worte, oft sagt man das Falsche – aus der Angst heraus, das Falsche zu sagen.

Dr. Matthias Bechem ist seit fast 40 Jahren im Bereich „Klinische Psychologie“ in verschiedenen Krankenhäusern, speziell in Psychiatrien, tätig. Dadurch hat er regelmäßig Umgang mit Menschen, die sich im Sterben befinden. Ihn haben wir gefragt, was man bei der Kommunikation mit sterbenden Menschen beachten muss.

Verdrängen als Strategie – kann das funktionieren?

Man muss ja bedenken: Jemandem, der die ganze Zeit über Schwäche, Schmerzen, Übelkeit oder was auch immer fühlt, erlebt, dem fällt das Verdrängen, das Verleugnen doch sehr schwer.

Das Umfeld ist es vielmehr, das denjenigen häufig dazu drängt, die ganze Problematik zu verleugnen. Das sagt auch die Forschung. Und warum?

Wenn wir uns gesund fühlen, leben wir ja eigentlich so, als ob wir ewig leben würden. Was auch verständlich ist: Wieso sollte ein kerngesunder 20-jähriger sich auch damit befassen, dass er mal 80 sein wird und stirbt oder dass er vielleicht morgen einen Unfall haben wird?

In dieser Situation ist es völlig begreiflich, nicht an den Tod zu denken, den Tod nicht in seinem Leben zu wollen.

Ein Sterbender hingegen denkt da wesentlich anders. Verdrängen, verleugnen, das ist also eher für Angehörige etwas, nicht für den Sterbenden.

verzweiflung

Wie rede ich mit jemandem, der wirklich am Verzweifeln ist?

Wenn zum Beispiel jemand sagt „ich halte das alles nicht mehr aus“, dann wird meistens relativiert: „das schaffst du schon, da musst du jetzt durch“ oder so. Das Problem wird so möglichst klein geredet. Beim Sterbenden jedoch kommt an, „wie schlecht es mir geht, interessiert die anderen gar nicht, sie wollen mein Leid nicht wahrhaben.“

Stattdessen sollte man, am Besten durch Fragen, Verbindungen zum restlichen Empfinden herstellen. Das ist hilfreich, weil der Betroffene so dazu ermuntert wird, die Situation für sich einzuordnen.

Gute Fragen wären zum Beispiel

  • „Was hast du gestern gemacht, als du so ähnlich drauf warst?“
  • „Du sagst, Du hältst es nicht mehr aus – war da schon mal so ähnlich?“
  • „Wie ging es dir denn vor 10 Minuten?“

So redet man demjenigen auch nicht ein, dass sein Leiden von außen bewertbar sei. Wir bewerten viel zu schnell und viel zu oft, wie stark jemand leidet.

In diese Richtung geht auch das empathische Spiegeln?

Beim empathischen Spiegeln versucht man, mit eigenen Worten den emotionalen Gehalt des anderen aufzugreifen und nichts dagegen zu setzen.

Ein Beispiel: Der Patient sagt „ich halte das alles nicht mehr aus“
Sie können darauf sagen: „Sie können sich im Augenblick nicht vorstellen, wie Sie die Belastungen noch länger ertragen können.“

Das genügt schon, um dem anderen zu signalisieren, dass man versucht, zu verstehen. Im Übrigen sollte man jedoch nur in Maßen spiegeln, da keiner einen Papagei gebrauchen kann, der alles nur nachplappert.

hoffnung

„Hoffnung lassen ist besser als machen“ haben Sie auf einem Vortrag gesagt – was meinen Sie damit?

Hoffnung und Verzweiflung mischen sich in der Regel beim Menschen und die Frage ist nicht „hat jemand Verzweiflung oder Hoffnung?“, also entweder-oder, sondern „wo steht derjenige gerade“, wo ist sein Kipppunkt, wie ist das Verhältnis Verzweiflung/Hoffnung?

Soll heißen: Geben Sie nicht Hoffnungszeichen von außen rein, wo sie den anderen nicht erreichen. Gucken Sie vielmehr gemeinsam, wo es sich zu suchen lohnt.

Was ist gerade im Moment wertvoll? Das kann zum Beispiel einfach die Schmerzfreiheit sein. Oder zum Beispiel etwas zu trinken, also die Befriedigung von Alltagsbedürfnissen.

„Lass Hoffnung, aber mach keine“ heißt dabei aber auch, dass man die Hoffnung, wenn sie da ist, nicht zerstören soll, auch wenn sie absurd ist.

Was kann ich sonst noch machen, wenn mir gegenüber Sterbenden die Worte fehlen?

Man kann das Fehlen der Worte thematisieren, das ist sehr sinnvoll! Zum Beispiel „Ich würde dich jetzt gern trösten und weiß gar nicht wie“. Das ist ehrlich und man erkennt eine gute Absicht.

Den Trostlosen zu trösten, das funktioniert nicht.

Jeder, der schonmal in einer existentiellen Krise war, weiß: Die anderen versuchen mich nur zu trösten, weil sie das Leid nicht wirklich teilen, sondern es wegreden wollen.

Man kann ihm deutlich machen, dass man mitfühlend ist, ohne dass man ihm das schön redet, und das kann man eigentlich sehr leicht ausdrücken. Zum Beispiel „ich tröste dich nicht, aber ich würde gerne. Ich weiß, es geht nicht, aber ich würde es dir gerne mitteilen“. Das hilft schon enorm.

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