Mein Angehöriger verliert seine Sprechfähigkeit – was kann ich tun?

Der Verlust der Sprechfähigkeit ist ein schwerer Einschnitt im Leben eines Menschen. In diesem Beitrag gehen wir darauf ein, was man tun kann, wenn ein pflegebedürftiger Angehöriger seine Sprechfähigkeit verliert. Es gibt verschiedenste Sprechstörungen. Wir konzentrieren uns hier allerdings auf den Verlust der Sprechfähigkeit durch eine Trachealkanüle, weil dieser in der Intensivpflege sehr häufig auftritt.

Wie geht es den Betroffenen durch den Verlust ihrer Sprechfähigkeit?

Der Verlust der Sprechfähigkeit ist bei Menschen mit Trachealkanüle physisch bedingt. Dennoch kann die Krankheit, die zur Tracheostomierung geführt hat, auch kognitive Einschränkungen verursacht haben.
In diesem Fall kommt es sehr auf die Art und Intensität der kognitiven Einschränkungen an, wie der Mensch den Verlust seiner Sprechfähigkeit erlebt.

Die Unfähigkeit, zu sprechen, ohne dass kognitive Einschränkungen vorliegen, lassen sich jedoch allgemeiner ausdrücken.

Zunächst einmal ist da die konkrete Gefahr, Notstände nicht mehr rechtzeitig bzw. durch Hilfsmittel nicht adäquat kommunizieren zu können. Die Folge ist dann, dass zu spät bzw. falsch oder auch gar nicht geholfen wird. Von diesen Vorkommnissen berichtet Sandra Schadek in ihrem Buch „Ich bin eine Insel. Gefangen im eigenen Körper“ sehr ausführlich.

„Sprachverlust, das ist nicht weniger als Weltverlust“ (Siegfried Lenz)

Darüber hinaus heißt Sprache auch Verständigung, Zwischenmenschlichkeit. Wer nicht sprechen kann, kann sich nur noch über Hilfsmittel, bisweilen gar nicht mehr verständigen. Das erschwert die Kommunikation um einiges, wenn nicht völlig.

Altersdepressionen

Die unmittelbare Folge ist oft ein Gefühl der Einsamkeit. Sprache erzeugt Nähe und Intimität, die man dann zwar noch empfangen, jedoch nicht mehr geben kann. Man rückt automatisch in die Passivität. Das kann zu Aggressionen, Niedergeschlagenheit und auch Depressionen führen.

Wie gehe ich mit dem Verlust der Sprechfähigkeit meines Angehörigen um?

Zunächst einmal ist es gut, wenn Sie sich in das Gefühlsleben Ihres Angehörigen hineinversetzen können. Verstehen Sie, weshalb er sich wie fühlt, können Sie viel leichter auf seine Bedürfnisse eingehen.

Sprachlosigkeit ist nicht gleich Dummheit!

Selbst wenn man weiß, dass der jeweilige Mensch keine kognitiven Einschränkungen hat, tendiert man leicht dazu, überdeutlich und extra langsam zu reden. Dies ist allerdings nicht nur unnötig, sondern auch verletzend und wird Missstimmungen Ihres Angehörigen eher verstärken. Eine natürlich Sprechweise ist stark zu empfehlen, es sei denn, dass beispielsweise neben dem Verlust der Sprechfähgikeit auch Schwerhörigkeit o.ä. vorliegt.

Ihrem Angehörigen einfühlsam zu begegnen, ist jedoch ein Rat, den man in jeder zwischenmenschlichen Situation geben kann.

Hier sind einige konkrete Hinweise, die Ihnen helfen, sich mit Ihrem Angehörigen zu verständigen und gleichzeitig einen respektvollen Umgang mit ihm zu bewahren.

Vereinbaren Sie Kommunikationswege und -mittel

Die Wahl des richtigen Kommunikationsmittels richtet sich vor allem nach dem jeweiligen körperlichen Zustand der Betroffenen. Haben sie keine feinmotorischen Einschränkungen, empfiehlt sich vor allem ein Laptop, eventuell mit Sprachausgabe, oder ein Schreibblock.

Ist der betroffene Mensch so immobil, dass er eventuell nur über minimale Bewegungsmuster verfügt (Finger, Augen) oder steht in Aussicht, dass er es wird, sollte man sich so früh wie möglich mit unterstützter Kommunikation auseinandersetzen, um dann auf die kommende Zeit genügend vorbereitet zu sein.

Dies beinhaltet zunächst einmal die Kommunikation mit dem eigenen Körper wie zum Beispiel Mimik und, bei nicht vollständiger Immobilität, Gestik sowie Kommunikation durch Blicke.

Sprechzeichen

Darüber hinaus kann man sich auch Kommunikationshilfen beschaffen, worunter beispielsweise so genannte Sprechzeichen oder auch computergestützte Kommunikation fallen. Mehr dazu finden Sie in unserem Beitrag Beatmung und Inklusion.

Zur Info

Kümmern Sie sich frühzeitig gemeinsam mit Ihrem Angehörigen um alternative Kommunikation. Ansonsten besteht die Gefahr, dass zu einer gewissen Zeit ein Kommunikationsloch entsteht, da Ihr Angehöriger nicht mehr mobil genug ist, um sich eingehend mit Ihnen über Kommunikationssysteme auszutauschen, die verwendet werden können.

Lassen Sie Ihren Angehörigen aussprechen

Selbstverständlich verläuft die Kommunikation über alternative Kommunikationswege nicht so flüssig und einfach wie ein gewöhnliches Gespräch. Gerade bei computergestützer Kommunikation kann die Formulierung eines Satzes Minuten in Anspruch nehmen. Oft wird man dann ungeduldig und versucht dann, den Sinn des Gesagten zu erkennen, bevor es gesagt wird, Sätze zu Ende zu sprechen oder das Gegenüber zu unterbrechen.
Allerdings kennt wohl jeder selbst diese Situation: Unterbrochen werden ist nicht schön. Nehmen Sie sich deshalb Zeit, wenn Sie mit Ihrem Angehörigen sprechen. Lassen Sie ihn seine Gedanken ausformulieren und warten sie ab, bis er sie vollständig an Sie übermittelt hat.

Nehmen Sie Hilfe in Anspruch

Es gibt einige Stellen, an die Sie sich bei Problemen wenden können. Das betrifft nicht nur die Kommunikation, sondern auch etwaige damit verbundene psychische Probleme oder konkrete Hilfestellungen bei der Anschaffung der richtigen Hilfsmittel.

Nutzen Sie Logopädie

Die Versorgung einer Trachealkanüle ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Logopädie kommt einerseits ins Spiel, wenn es darum geht, den Schluckakt der betroffenen Person zu begutachten. Daraufhin kann entschieden werden, ob eine Entfernung der Trachealkanüle möglich ist, sofern eine invasive Beatmung nicht mehr benötigt wird.
Die Folge der Entwöhnung wäre die Normalatmung, wodurch das Sprechen auch wieder ermöglicht wird. Diesen Prozess begleitet die Logopädie.

Andererseits ist es auch mit Trachealkanüle möglich, zu sprechen. Die Kanüle kann man so herrichten, dass die Luft bei der Ausatmung wieder über die oberen Atemwege geleitet wird und die Stimmbänder dadurch wieder erreicht werden und somit Töne erzeugt werden können.

Normalerweise kümmert sich der Pflegedienst, der Ihren Angehörigen betreut, darum, einen geeigneten Logopäden zu finden.

Konsultieren Sie einen Psychotherapeuten

Zeigt Ihr Angehöriger Zeichen einer Depression, empfiehlt es sich, professionelle Hilfe zu suchen.

Zur Info

Wir haben bereits über die Anzeichen von Depression im Alter geschrieben; dass dies sich nicht völlig auf Menschen mit Tracheostoma übertragen lässt, ist offensichtlich. Dennoch finden sich darin eventuell Hinweise, die hilfreich für Sie sind.

Falls Sie akut Ratschläge benötigen, können Sie sich auch an diese Stellen wenden:

Ein Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe ist zu verschiedenen Tageszeiten verfügbar.
Es bietet Ihnen nicht nur Informationen zur Krankheit und deren Behandlung, sondern auch Hinweise zu Anlaufstellen in Ihrer Nähe.
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe/info-telefon

Die Telefonseelsorge ist ebenfalls kostenlos für Sie erreichbar.
https://www.telefonseelsorge.de/

Nehmen Sie die Beratung eines Pflegedienstes in Anspruch

Der Pflegedienst, der die Behandlungspflege für Ihren betroffenen Angehörigen übernimmt, kann Sie ebenfalls zu den Einzelheiten der Kommunikation mit sprecheingeschränkten Menschen beraten. Das gilt auch für die psychischen Leiden, die Ihr Angehöriger aus diesem Umstand zieht, beziehungsweise für etwaige Hilfsmittel, die seinen Zustand bzw. seine Kommunikationsfähigkeit verbessern können.

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