Gewalt in der Pflege – 7 Tipps zum Umgang mit Gewalt

Gewalt und Pflege passen eigentlich so gar nicht zusammen. Das eine richtet sich gegen den Menschen, das andere hilft ihm. Trotzdem kommt es zu Gewalt in der Pflege – seitens der Pflegebedürftigen und seitens der Pflegenden. Und das öfter, als man denkt.

Inhalt:

63% aller stationär Pflegenden und 40% aller ambulant Pflegender haben im Jahr der Befragung einer Studie Gewalt seitens von Pflegebedürftigen erfahren.

Dagegen berichteten einer deutschen Studie zufolge über 70% der Pflegekräfte, sich schon einmal problematisch (im Sinne von gewalttätig oder vernachlässigend) gegenüber von Pflegebedürftigen verhalten zu haben.

Gründe für Gewalt sind meistens Stress und Überlastung der Pflegekräfte bzw. Depressionen und Verzweiflung der Pflegebedürftigen.

Mit diesen 7 Tipps wollen wir Möglichkeiten schaffen, Gewalt in der Pflege kompetent zu begegnen, zu verhindern und auch zu enttabuisieren.

1. Erkenne, was Gewalt ist

Das klingt erst mal einfach. Aber Gewalt muss nicht nur körperlich oder verbal geschehen. Gerade in der Pflege zerfließen die Grenzen schnell. Wenn ich einem Patienten gegen seinen Willen ein Medikament verabreiche, ist das schon Gewalt? Der Patient hört schlecht, also werde ich laut – ist das Gewalt? Was gebraucht wird, sind klare Kategorien. Als Richtlinien können folgende Punkte dienen.

Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen:

  • Körperliche Misshandlung
  • Psychische/verbale Misshandlung (Demütigung, Beleidigung)
  • Vernachlässigung (pflegerisch, emotional)
  • Finanzielle Ausbeutung
  • Medikamentenmissbrauch
  • Sexueller Missbrauch
  • Vermeidbare Einschränkung der Freiheit
  • Entzug von Hilfsmitteln

Gewalt gegenüber Pflegekräften:

  • Emotionale Misshandlung (Beschimpfungen, Missachtung etc.)
  • Körperliche Misshandlung (Kratzen, Schlagen, Beißen etc.)

Natürlich gibt es trotzdem Grenzfälle, die sich nicht klar identifizieren lassen. Die Frage, die man sich deshalb in jeder unklaren Situation stellen sollte, ist:

Welche Rechtfertigung liegt für die Handlung vor? Geht die Handlung eindeutig gegen den Willen von Pflegendem bzw. Pflegebedürftigem?

Mit „Willen“ ist hier letzten Endes auch die Patientenverfügung gemeint – wenn ein Patient also wider seinen derzeitigen Willen ein Medikament verabreicht bekommt, für das er sich in seiner Patientenverfügung ausgesprochen hat, liegt nicht unbedingt Gewalt vor.

Wenn es keine Rechtfertigung gibt bzw. die Tat klar gegen den Willen des anderen geht, liegt Gewalt vor. Und dann muss gehandelt werden. Oder kommuniziert.

2. Vermeide Risikofaktoren für problematische Pflegesituationen

Das beste ist, die Ursachen, aus denen heraus Gewalt entsteht, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Auch dies ist selbstverständlich einfacher gesagt als getan. Dennoch kann man in gewissen Situationen darauf eingehen und versuchen, den Ursachen von Aggression und Gewalt entgegen zu arbeiten.

Vermeidung von Risikofaktoren bei Pflegebedürftigen

Bei Pflegebedürftigen ist es zunächst mal wichtig, zu erkennen, weswegen Gewalttätigkeit auftritt. Die Gründe sind oft bedingt durch Alter, Krankheit bzw. die damit verbundenen Lebensumstände. Es entstehen Gefühle der Abhängigkeit und der Hilflosigkeit, der Angst und der Verzweiflung. Im entsprechenden Fall kanalisieren sich diese Gefühle dann nach außen, in Form von Gewalt.

Man kann versuchen, diesen Gefühlen zu begegnen. Dies kann man zunächst einmal durch einen respektvollen Umgang tun. Wenn man Verständnis für die Situation zeigt, gibt man dem Pflegebedürftigen das Gefühl, ernst genommen zu werden. Und das ist nicht nur für Pflegebedürftige beruhigend. In unserem Beitrag zum Umgang mit Menschen mit Demenz kannst du mehr darüber erfahren.

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Man kann auch vom Thema ablenken, wenn man merkt, dass dieses der Grund für eine aufkommende Aggression ist. Wenn sich der pflegebedürftige Mensch beispielsweise lange vergeblich darum bemüht, sich an etwas zu erinnern, und beginnt, daran zu verzweifeln, kann man ihn einfach nach etwas fragen, was er höchstwahrscheinlich noch weiß.

Ansonsten hilft es, ruhig zu bleiben, verständig und freundlich mit dem Betreffenden zu reden. Wenn jemand damit konfrontiert wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er ebenfalls wieder zur Ruhe kommt.

Vermeidung von Risikofaktoren bei Pflegenden

Die Gründe, aus denen heraus Pflegende Gewalt ausüben, sind selbstverständlich andere. Hier sind generell Personalmangel sowie der damit verbundene Stress und die körperliche und seelische Belastung zu nennen. Auch ein schlechtes Betriebsklima und Konflikte im Team können zu Frustration führen. Darüber hinaus verursacht der ständige Kontakt mit den Themen Leid, Trauer und Tod ebenfalls innere Anspannungen.

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Es ist sehr schwer, manchen dieser Faktoren zu begegnen. Viele davon liegen an der Stelle an sich – ist der Personalschlüssel zu hoch (also werden einer Pflegekraft zu viele Patienten zugeteilt), ist es kaum möglich, dem Stress auszuweichen. Was diesen Punkt betrifft, so sind Pflegedienste, Krankenkassen und Politik gefragt, um eine Besserung der Lage herbeizuführen.

Auf andere Faktoren kann jedoch eingewirkt werden. Konflikte im Team können beispielsweise dadurch angegangen werden, dass man respektvoll und konstruktiv darüber spricht. Den Kontakt mit Leid und Tod kann man ebenfalls verarbeiten, wenn man sich mit anderen über die dadurch entstehenden Gefühle austauscht.

3. Was tue ich, wenn ein Pflegebedürftiger mir gegenüber gewalttätig wird?

Faktoren und Vorbeugung hin oder her, manchmal kommt es einfach zu einer Situation, in der ein pflegebedürftiger Mensch gewalttätig wird. Was tut man dann?

Bei körperlicher Gewalt ist der Fall klar: Andere und sich selbst schützen! Hilfe holen, Unbeteiligte wegschicken, auf Abstand gehen, sofern das möglich ist – und dann beschwichtigen.

Wenn es kurz vor einem Ausbruch von Gewalt steht, sollte man versuchen, den Betroffenen zu beruhigen. Dies schafft man, indem man vom Thema ablenkt, ruhig und gelassen bleibt und Verständnis für die Situation des Pflegebedürftigen zeigt.

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Bei verbaler Gewalt sollte man sich noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass nicht man selbst der Grund für die Aggressionen ist, sondern zumeist die Situation des Pflegebedürftigen. Die verbale Attacke ist dann einfach ein Kanal, durch den dieser seine Frustration heraus lässt. Dieser Form von Gewalt sollte man ebenfalls mit Ruhe und Geduld begegnen.

Auf jeden Fall sollte man jedoch der Kollegschaft von dem Vorfall berichten und sie darüber ins Bild setzen, was sie eventuell bei dem betreffenden Pflegebedürftigen erwartet. Falls ein Pflegebedürftiger stark zu körperlicher Gewalt neigt, sollte man Vorkehrungen treffen, bevor man ihn aufsucht:

  • Kollegen mitnehmen
  • Sicherheitsabstände wahren
  • Verletzungsrisiken mindern (z.B. Ablegen von Schmuck)
  • Ruhig und gelassen bleiben, keine Aufgeregtheit suggerieren

4. Wie gehe ich damit um, wenn eine Pflegekraft mir gegenüber gewalttätig wird?

Als Pflegebedürftiger hat man in der direkten Situation wenige Möglichkeiten, sich gegen Gewalt oder Unrecht zu wehren. Die Pflegekraft ist generell stärker und befindet sich in einer Machtposition.

Zunächst einmal kann man versuchen, das Problem gegenüber der Pflegekraft anzusprechen – vielleicht ist diese sich gar nicht bewusst, dass sie gerade unrecht handelt. Falls das zu nichts führt, sollte der Fall den Angehörigen, der Bereichsleitung oder anderen Pflegekräften berichtet werden, damit diese entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Generell gilt: Man muss sich trauen, das Problem an- und auszusprechen! Oft geschieht das nicht, weil man Angst hat, dass einem nicht geglaubt wird oder weil man nicht als schwach gelten will – oder weil man denkt, das Problem würde sich mit der Zeit von selbst lösen. Das ist jedoch die falsche Herangehensweise. Nur dadurch, dass man sich ausspricht, erreicht man eine Verbesserung der Lage.

5. Ich merke, dass ich Aggressionen aufbaue – was soll ich tun?

Wenn man als Pflegekraft an sich bemerkt, dass man öfter aggressiv wird und versucht ist, dies an Pflegebedürftigen auszulassen, sollte man das nicht einfach hinnehmen. Zunächst einmal gilt es zu überlegen, was die Gründe sein könnten. Ist es Stress? Das Arbeitsklima? Eine bestimmte Person, sei es ein Pflegebedürftiger oder ein Kollege?

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Sodann sollte man sich überlegen, was man gegen diese Gründe unternehmen kann. Dabei kann es helfen, mit seinem Teamleiter oder mit anderen Kollegen zu sprechen. Sollte das Problem eine bestimmte Person sein, schafft man es eventuell, den Kontakt zu ihr zu vermeiden – beispielsweise kann ein Kollege die Pflege der betreffenden Person übernehmen, sollte es sich um einen Pflegebedürftigen handeln.

Falls man keine konkreten Gründe für seine Aggressionen findet bzw. niemanden hat, mit dem man zum Sprechen hat, gibt es verschiedene Not-Hotlines, die professionelle Hilfe anbieten. Mehr dazu findest du unter Punkt 7.

6. Was tue ich, wenn ich Zeuge von Gewalt werde?

Zeuge von Gewalt – das klingt sehr eindeutig. Manchmal ist es aber schwer, Gewalt festzustellen, und manchmal ist man auch kein Zeuge, sondern hört nur von irgendwelchen Vorkommnissen. Deshalb gilt zunächst einmal: Die Dinge klar stellen. Das schafft man, indem man mit dem Opfer der problematischen Handlung ins Gespräch kommt und versucht, herauszufinden, was passiert ist und wie das auf die betreffende Person gewirkt hat.

In einem zweiten Schritt sollte man das Gespräch mit einer verantwortlichen Person, im Zweifelsfall der Schichtleitung oder sogar der Pflegedienstleitung, suchen. Wenn das zu nichts führt und das Problem weiterhin bestehen bleibt, muss in extremen Fällen der Medizinische Dienst der Krankenversicherung informiert werden.

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Sofern es zu Erpressung, massiver Einschüchterung, Medikamentenmissbrauch oder gar zu körperlichen Verletzungen kommt, muss die Polizei verständigt werden. Hierbei handelt es sich um Straftaten, die angezeigt werden müssen.

Wichtig ist: Man darf nicht wegsehen und denken, das Problem löse sich von alleine. Zivilcourage ist auch und gerade im Pflegesektor unbedingt nötig!

7. Wohin kann ich mich wenden, wenn ich nicht mehr weiter weiß?

Es gibt keine Bezugspersonen bzw. die Verantwortlichen haben kein Ohr für die Probleme oder sind sogar selbst das Problem?
In diesem Fall gibt es Krisentelefone und Beschwerdestellen, die dir helfen können und dich an entsprechende Stelle weiter verweisen können, sollte dies notwendig sein.

Das Zentrum für Qualität in der Pflege bietet eine Liste mit Notruf-Adressen, die dir sofort helfen können.

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