Pflegefaktor Zeit – In der Intensivpflege-WG

Anja arbeitet als Teamleiterin in unserer neuen Intensivpflege-WG im Havelkiez. Und ich wollte von ihr hören, wie sich Pflege dort gestaltet.

Der klare Vorteil einer solchen WG, meint sie, ist schlicht der, dass der Personalschlüssel weitaus höher ist als in einer stationären Betreuungsform. Das heißt, dass die Pflegekräfte vor Ort sehr viel mehr Zeit haben, sich auch eingehend um die Patienten zu kümmern.

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In einer Intensivpflege-WG leben größtenteils Menschen mit Trachealkanüle, die teilweise invasiv beatmet werden müssen und die diese Form der Pflege nicht zuhause erhalten können oder wollen. So fungiert die WG quasi als Mittelweg zwischen Klinik/Heim und dem Eigenheim der Patienten.

„Wir können alle 10 Minuten in die Zimmer gucken, weil wir die Zeit dafür haben – Intensivpatienten brauchen nunmal mehr Aufmerksamkeit. Und die können wir ihnen hier geben“, erklärt Anja.

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Zeit ist auch so eine Sache beim neuen Intensivpflegestärkungsgesetz, das vor Kurzem verabschiedet wurde. Das Gesetz besagt, dass Heimpflege für Menschen mit Trachealkanüle künftig die Regel sein soll. Wie beatmete Patienten in größerer Zahl in einem Heim versorgt werden sollen, das kann Anja sich nicht vorstellen.

Und dabei redet sie aus Erfahrung: Bevor sie in der ambulanten Pflege gearbeitet hat, war Anja in einem Pflegeheim tätig. Wieso es für sie in die ambulante Pflege ging? Genau deshalb: Wegen der Zeit.

Raum für Individualität und Erholung

In der WG sind immer Pflegefachkräfte anwesend, die auch tatsächlich die Zeit haben, sich um das Wohlergehen ihrer Patienten zu kümmern. Hat man Zeit, kann man individuell auf den einzelnen Menschen eingehen.

Herr Schneider schläft gerne bis 10? Kein Problem. Soll er ausschlafen. Frau Schäfer will um 8 schon ihr Frühstück? Bekommt sie. Wenn gutes Wetter ist, wird viel rausgegangen – auch mit Patienten, die die Diagnose „Wachkoma“ haben. Überhaupt, sagt Anja, werden Wachkomapatienten ganz normal integriert, genauso wie alle anderen Patienten auch. Das ist bei Wachkomapatienten besonders wichtig, erklärt sie, um anzuregen, zu aktivieren, im Leben zu halten.

Bleiben wir noch einen Moment beim Zeitfaktor: Mikrointeraktionen. Da sucht man erstmal nach einem Zusammenhang, aber der stellt sich eigentlich ganz einfach her: Wenn man Zeit hat, auf seinen Patienten einzugehen, dann kann man auch an kleinsten Anzeichen – Mimik, Gestik, manchmal auch Zähneknirschen, Muskelkontraktionen oder Vitalwerten – erkennen, wie es dem Gegenüber geht. Das ist gerade bei Wachkomapatienten essentiell. „Man muss ganz viel beobachten“, erklärt Anja dazu, „dann klappt das auch wirklich mit den Leuten im tiefsten Wachkoma.“

All das – Zeit für individuelles Eingehen auf den Patienten, Zeit für intensive Betreuung, Zeit für Soziales und Menschliches – führt mitunter auch dazu, dass Menschen sich wieder von dem erholen, was sie in die WG gebracht hat.

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Das Weaning, also die Entwöhnung von der Beatmung, muss natürlich dennoch stationär begleitet werden. Aber Anja kann von einigen Patienten berichten, die von der totalen Bettlägerigkeit wieder dazu gekommen sind, selbst ihre Arztgespräche zu führen, einkaufen zu gehen und eben wieder all das zu tun, was sie vorher auch getan haben – eben mit Trachealkanüle.

Und das ist natürlich immer wieder wahnsinnig toll, so etwas zu sehen: Patienten, die nicht gesprochen haben, nicht gehen konnten, wieder einen völlig normalen Alltag verleben zu sehen, das gehört wohl zu den schönsten Erfahrungen, die man in seiner Tätigkeit als Pflegekraft machen kann.

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